Im Arnold Schönberg Center wird dem Avantgardisten heute zum 89. Geburtstag gratuliert, nicht nur mit Musikalischem, sondern auch mit Kulinarischem.
Heute ist es so weit: Man gibt ein großes Fest. Es ist ja so, dass es dieser Tage – am kommenden Freitag, um das gleich vorwegzunehmen – gilt, einer der größten Operndiven zu einem Runden zu gratulieren. Das ist insofern auch fein, als die herrliche Stimme der Mirella Freni würdigungshalber seit geraumer Zeit in vielen Radio- und TV-Sendungen zu hören ist, was jedenfalls erfreut.
Dann ist da aber auch, um zu den schöpferischen Geistern zu kommen, Pierre Boulez, der 90 Jahre alt wird, worauf wir in diesem Rahmen noch zurückkommen müssen, denn Boulez ist wohl eine der prägenden Figuren der Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts – und hat sein nicht geringes Scherflein dazu beigetragen, dass diese auf ehrenvolle Weise den Grenzübertritt ins 21. Jahrhundert geschafft hat.
Heute aber geht es um Friedrich Cerha, von dem man jetzt, oberflächlich betrachtet, behaupten könnte, er sei der österreichische Boulez; gleichbedeutend als Komponist und in seinem Wirken als Interpret und Promotor jedenfalls. Aber, genau genommen, kann man die beiden Persönlichkeiten nur schwer miteinander vergleichen. Zu unterschiedlich sind sie in Temperament und Selbstdarstellung. (Das gleiche Sternzeichen fruchtet da offenbar wenig ...).
Cerha wird 89. Das ist bei einer solchen Koryphäe rund genug, dass eine Runde von Musikanten im Arnold Schönberg Center ein Fest ausrichtet. Der Saal am Schwarzenbergplatz ist deshalb der geeignete Ort für diese Zelebration, weil Cerha kraft seines Amtes als Gründer und Leiter des Ensembles Die Reihe unendlich viel für Schönbergs Nachruhm getan hat.
Keine unbedingte Gefolgschaft
Zum Wirken des Ahnvaters der musikalischen Moderne wusste Cerha – wie übrigens auch Boulez – kompositorisch eine Antithese zu formulieren. Beide Meister, so gegensätzlich sie uns auch scheinen mögen, haben früh in ihrer Karriere geahnt, dass die Zukunft der sogenannten Neuen Musik nicht in der unbedingten Gefolgschaft eines großen Vorbilds liegen kann; dass, um weiterhin nur mit den edelsten Namen herumzuwerfen, Igor Strawinsky genauso vorbildhaft wirken kann und muss wie der Wiener Lehrmeister.
Und dass man sich als kluger Student früh genug von allen Professoren zu lösen wissen muss. So sind sie beide geworden, was sie sind. Die Geburtstagsfeste für Pierre Boulez sind erst in Planung. Zu Friedrich Cerha können wir aber morgen Abend pilgern, um ihm zu gratulieren. Ab 18.15 Uhr plaudert Christian Meyer mit dem Jubilar. Danach gibt es Cerha-Musik – und auch ein Stück des Patrons: Die „Verklärte Nacht“ erklingt im Arrangement für Klaviertrio. Das ist ja eines jener Gipfelwerke der Moderne, bei dem verängstigte Konzertbesucher über die Jahrzehnte hin immer wieder draufgekommen sind, dass in der Musikgeschichte in Richtung der Emanzipation der Dissonanz ein relativ bruchloser Weg geführt hat und dass manches von Richard Strauss waghalsiger klingt als dieses ursprünglich für ein Streichsextett komponierte Tongedicht nach Richard Dehmel.
Den wiederum assoziieren manche Kulturkonsumenten in populistischer Vermengung von Lyrik und Süßigkeit gern mit einer Konditorei, was nicht nur wegen des Dehnungs-H leicht als Irrtum zu entlarven wäre
Wenn es denn sein muss, denn immerhin versteht man sich beim Demel darauf, sich einen Reim auf Patisserie-Rezepte zu machen. Das braucht's, einen bedeutenden Komponisten adäquat zu würdigen. Im Schönberg Center serviert man heute nicht nur Musik, sondern auch Friedrich Cerhas Lieblingstorte. Wer nun ganz dringend wissen möchte, welche das ist, verkostet die Antwort am besten selbst und ist ab 18 Uhr am Schwarzenbergplatz zur Stelle ...
("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.02.2015)