Erstmals können Geräte mit künstlicher Intelligenz ganz selbstständig wissenschaftlich arbeiten. Bloß Alltagssituationen sind nach wie vor ein Problem für Computer.
Das sei keine Wissenschaft, sondern etwas, was „jeder Affe“ könne. Mit diesen Worten wies DNA-Mitentdecker James Watson Ende der 80er-Jahre einem jungen Kollegen die Tür. Watson war in einer hohen Position in der US-Gesundheitsbehörde NIH, und der junge Kollege, er hieß Craig Venter, hatte ihm eine Revolution vorgeschlagen: Er hatte eine weitgehend automatisierte Methode der Genanalyse ersonnen.
Der Rest ist bekannt, Venter schaffte mit seinen Automaten im Alleingang rascher als der vereinte Rest der Genetiker das Humangenom, letztes Jahr ließ gar Watson sein Genom nach Venters Prinzip sequenzieren. So hält die Automatisierung Einzug in die Wissenschaft, sie bringt Präzision, Zeitgewinn und Zugang zu Regionen, die der Mensch selbst nicht erreicht: In den 60er-Jahren erdachte Joshua Lederberg (Stanford) ein selbsttätiges biomedizinisches Labor für die Viking-Mars-Mission, DENDRAL: Es sollte Mars-Boden ins Innere befördern, mit Elektronen bombardieren und die Ionen nach ihrer Masse sortieren, die Daten sollten auf der Erde darauf analysiert werden, ob es auf dem Mars Spuren von Leben gibt. Es klappte, nur: Leben fand man nicht.
Lederberg hatte noch einen Schritt weiter gehen und DENDRAL auch über seine nächsten Schritte/Experimente entscheiden lassen wollen; das ging noch nicht, Analysieren und Planen blieb Menschensache. Nun geht es, Science meldet gleich zwei Erfolge: Ross King (Aberystwyth) hat einen Roboter mit künstlicher Intelligenz gebaut – und „Adam“ genannt –, der eigenständig biologische Experimente durchführt. Es ging es um das Aufspüren von Enzymen in Bäckerhefe. Es gelang, wenn auch nur „moderat“, „Eva“ soll folgen und es besser können. (324, S.85) Und Hod Lipson (Cornell) hat ein Gerät, das durch bloßes Beobachten eines Pendels – ohne physikalisches Wissen – die Bewegungsgesetze ableiten konnte, für die Newton und seine Nachfolger Jahrhunderte brauchten. (324, S.81)
Behält Watson recht, werden dann Menschen in der Forschung überflüssig bzw. zu Affen? So rasch nicht: Was die beiden Geräte können, sind hoch formalisierte Verfahren – etwa das der Planung des nächsten Experiments –, das kann künstliche Intelligenz, sie kann auch Schach. Scheinbar Banaleres kann sie nicht: Mit der Umwelt interagieren oder sich in Alltagssituationen verständigen.
Kognition braucht Kontext
Natürliche Intelligenz kann es, weil sie nicht nur im Gehirn sitzt. „Die Natur hat Kognition für uns entwickelt, damit wir besser mit der physischen und der sozialen Welt umgehen können“, erklärt Murray Shanahan (Imperial College London): „Deshalb können wir ein besseres Verständnis der Kognition nur im Kontext mit etwas gewinnen, das mit Objekten interagiert.“ Das Etwas heißt iCub und ist ein menschähnlicher Roboter mit beweglichen Gliedern. Mit seiner Hilfe will Shanahan erkunden, wie wir denken. In drei bis fünf Jahren will er so weit sein – bis dahin brauchen Forscher noch ihren eigenen Kopf. (www..imperial.ac.uk)
("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.04.2009)