Blüten locken mit Wärme Bestäuber an und halten Pollen auf optimaler Reifetemperatur.
Haben Sie schon einmal an einer Pflanze bzw. deren Blüte Ihre Hände gewärmt? Doch, bei manchen geht das, Jean Baptiste Lamarck hat es vor 200 Jahren am Aronstab bemerkt, der heizt, und wie: Bei einer Außentemperatur von zehn Grad wärmt er den Blütenstand fünfmal so stark wie ein vergleichbar großes warmblütiges Tier, eine Ratte mit 125 Gramm. Zudem stinkt er – viele Pflanzen, die Thermogenese betreiben, tun das – für unsere Nasen nicht eben angenehm, aber für uns produziert er den Kadavergeruch auch nicht. Sondern für die, die er zur Vermehrung braucht, für die Bestäuber, Käfer vor allem.
Es gibt etliche Heizpflanzen – Lotus etwa, auch manche Palmen und Koniferen –, alle sind alt, entstanden vor hoch spezialisierten Bestäubern wie Bienen. Sie mussten Käfer anlocken, das sind keine großen Flugkünstler, deshalb sind die Blütenblätter oft bequeme Landeplätze. Dann geht es hinein in die Wärme und an den Tisch, diese Pflanzen locken mit zwei Formen von Energie, chemischer (Nektar) und thermischer. Dafür wollen sie etwas haben: Die Blüte des Aronstabs ist auch eine temporäre Falle, in der die Käfer sich lange mit Pollen anstauben sollen – die merken nicht viel davon, dass sie gefangen sind, sie fressen und paaren sich. Dann können sie wieder hinaus, bei manchen Pflanzen öffnet sich das Sesam einfach, andere vertreiben ihre Gäste durch ein Übermaß an Duft und Hitze, sie sollen schließlich den Pollen verbreiten.
Wie können Pflanzen all diese Tricks, wie heizen sie, wie nehmen sie überhaupt wahr, dass es kalt ist? Letzteres ist völlig ungeklärt, sie haben keine Sensoren und Nerven wie Warmblüter, aber etwas haben sie mit ihnen gemeinsam: Mitochondrien, Zellkraftwerke, in denen chemische Energie umgewandelt wird. Mit denen heizen sie so wie wir, solange wir klein sind: Als Erwachsene erzeugen wir Wärme mit den Muskeln, sie arbeiten dann so (unkoordiniert), dass wir es gar nicht merken. Babys können das nicht, sie holen Wärme aus den Mitochondrien, stellen deren Arbeitsweise so ein – auf geringe Effizienz –, dass viel Abwärme einfällt.
Umwelt: Minus 14 Grad, Blüte: Plus 21
Eine Pflanze der Aronstab-Familie produziert so viel, dass sie im Winter blühen kann, im Schnee, sie heizt sich frei. In der Botanik heißt sie neutral Symplocarpus renifolius, in den USA naserümpfend „skunk cabbage“, Japaner betrachten sie gelassener: „Für uns sieht sie aus wie ein meditierender Mönch, deshalb nennen wir sie ,Zen-Pflanze‘“, berichtet Iko Kikukatsu (Nagano) der „Presse“. Die Blüte kann 35 Grad über die Umgebungstemperatur heizen – etwa auf 21 Grad plus bei minus 14 –, und sie hält die Wärme lange konstant. Für Bestäuber braucht sie das nicht – die sind bald wieder weg –, sie tut es für sich selbst: Unter acht Grad reifen die Pollen nicht, erst bei 23 Grad haben sie die optimale Temperatur, Kikukatsu hat es in Experimenten gezeigt, in denen er Pollen im Labor wärmte (Biology Letters, 31.3.).
("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.04.2009)