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Der Wirtschaftsreformer, der sich nicht gegen Putin durchsetzen konnte

Der ermordete Politiker Boris Nemzow lenkte einst mit seinem Mentor Boris Jelzin die Geschicke Russlands. Mit Jelzin-Nachfolger Putin verband ihn Feindschaft.

Er war unbequem, ließ sich nicht schnell einschüchtern. War er zur Meinung gelangt, dass ein Weg der richtige sei, nahm er dafür Risken in Kauf. Jetzt wurde der Weg des russischen Oppositionspolitikers Boris Nemzow beendet, von den Kugeln der Attentäter, die ihn am Freitagabend in Moskau ermordeten.

Schon 1986 ging Nemzow auf Konfrontationskurs mit den Mächtigen. Nach dem Reaktorunfall in Tschernobyl sprach sich der junge Physiker vehement gegen Kernheizwerke und AKW aus. 1996 überreichte er seinem Mentor, Russlands Präsidenten Boris Jelzin, eine Unterschriftenliste gegen den Tschetschenien-Krieg. Doch seinen erbittertsten Kampf gegen die Obrigkeit führte Nemzow nicht als junger Wilder, sondern erst in seinen späteren Jahren. Gegner war dabei Russlands Präsident Wladimir Putin – ein Mann, für dessen Amt ursprünglich Nemzow vorgesehen schien.

Der Querdenker. Nemzow wurde 1959 geboren. Seine Mutter war Kinderärztin, sein Vater Funktionär der KPdSU, der Kommunistischen Partei der Sowjetunion. Auch den jungen Boris zog es in die Politik, aber im Gegensatz zu seinem Vater wollte er seine Karriere außerhalb der engen Bahnen der KP verlaufen lassen. In der Stadt Gorki, dem heutigen Nischni Nowgorod, kam er in den Achtzigerjahren mit neuen, liberalen Ideen in Kontakt. Für diese Ideen war in der Sowjetunion lange kein Platz gewesen. Doch mit der Machtübernahme Michail Gorbatschows in der Sowjetunion wurde der Spielraum für abweichende Meinungen größer.

Boris Nemzow war in einer Reformbewegung aktiv, die Forderungen nach einem Mehrparteiensystem und nach Privatbetrieben stellte. 1990 wurde er als Vertreter aus Gorki in den Obersten Sowjet der russischen Teilrepublik gewählt. Er setzte sich dabei gegen zahlreiche alte KP-Kader durch – Funktionäre einer Partei, die kontinuierlich an Macht verlor.

1991 versuchten Kräfte in der KP, das Rad der Zeit zurückzudrehen. Sie putschten gegen Gorbatschow und stellten den sowjetischen Staatschef unter Hausarrest. In Moskau schlug die große Stunde von Boris Jelzin. Der Präsident der russischen Teilrepublik stellte sich gegen die Putschisten. Ihm zur Seite stand dabei Nemzow.

Der Umsturzversuch der alten KP-Garde scheiterte. Gorbatschow kehrte aus seinem Exil zurück, doch die Macht war ihm entglitten. Die Sowjetunion zerfiel. Neuer starker Mann war Jelzin, nun Präsident des neu entstandenen Staates Russland. Mit Jelzin wurde auch Nemzow in der Hierarchie nach oben gespült.


Der Reformer. Im November 1991 übernahm Nemzow zunächst das Amt des Gouverneurs der Region Nischni Nowgorod. In dieser Funktion versuchte er die Ideen umzusetzen, die er schon länger mit sich herumgetragen hatte: Er startete ein massives Programm zur Privatisierung und zur Liberalisierung der Wirtschaft.

Was er im wirtschaftspolitischen „Versuchslabor“ von Nischni Nowgorod begonnen hatte, konnte er wenige Jahre später in ganz Russland umsetzen. Präsident Jelzin ernannte ihn zum Ersten Vizeministerpräsidenten der Russischen Föderation. Gemeinsam mit Anatoli Tschubais sollte Nemzow die russische Wirtschaft in Schwung bringen. Der damals erst 37-jährige Nemzow wurde damit beauftragt, ein Reformprogramm für den Energiesektor durchzuführen.

Der charismatische Politiker genoss in der Öffentlichkeit schon bald große Popularität. Vieles wies darauf hin, dass er zum Nachfolger seines Mentors Jelzin als russischer Präsident aufgebaut werden sollte. Doch die Wirtschaftskrise 1998 versetzte auch der Karriere des Wirtschaftsreformers einen Rückschlag.

Der Oppositionelle. Der Stern eines anderen Mannes war nun aufgegangen, des Ex-Geheimdienstlers Wladimir Putin. Er übernahm von Jelzin im Jahr 2000 das Amt des russischen Präsidenten. In den folgenden Jahren ging Nemzow immer mehr auf Distanz zu Putin und warnte in Denkschriften vor der Politik des Kremlchefs. Bei Wahlen konnte Nemzow mit seiner Partei Union der rechten Kräfte Putins Machtapparat aber nie ernsthaft herausfordern. Doch Nemzow wurde zu einer wichtigen Galionsfigur der Straßenproteste gegen Putin. Er beendete seinen Weg gleichsam so, wie er ihn politisch 1986 begonnen hatte.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.03.2015)