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Eine schwache Fabel für "Das Reich der Tiere"

FOTOPROBE: ´DAS REICH DER TIERE´ IM AKADEMIETHEATER
(c) APA/BURGTHEATER/GEORG SOULEK (GEORG SOULEK)
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Roland Schimmelpfennig bringt in Wien einen kleinen Zirkus auf die Bühne. Das starke Ensemble zeigt gekonnt, wie es hinter der Bühne zugehen kann, auch die Regie funktioniert. Aber der Text ist platt und zudem ausgewalzt.

Die Bühne des Akademietheaters steht bei Einlass bereits offen. Wilfried Minks, Altmeister im Gestalten von Räumen, führt die Zuseher durch sein Bühnenbild hinter die Kulissen: Neun Sessel, drei Spiegel, allerlei Töpfe, – das müssen die Garderoben sein. In der Mitte ein flaches Podium – es wird zur Bühne auf der Bühne, wenn hinten eine spiegelnde Wand runter fährt. Tatsächlich trudeln nun nach und nach fünf Protagonisten ein, die sich beinahe wortlos 20 Minuten schminken, ein fiktiver Autor-Regisseur kommt erst später.

Oliver Stokowski verwandelt sich in ein Zebra, Johann Adam Oest in einen Löwen, mittels Schminke, mit dosiertem Witz am ganzen Körper aufgetragen. Sabine Haupt mutiert zur Antilope, stolziert grazil über die Bühne. Caroline Peters schleicht als Ginsterkatze herbei, spielt mit dem Schädel eines Gavials. Dass die Verwandlung unangenehm sein kann, zeigt Peter Knaack: Er rührt Eier im Dutzend an, fügt Öl hinzu, übergießt sich mit der Masse vom Scheitel bis zur Sohle. Geleimt und schwarzweiß gefedert ist am Ende das Vieh: ein ausgewachsener Marabu.

Austauschbare Schauware

Was wurde am Samstag in Wien gegeben? Die österreichische Erstaufführung von Roland Schimmelpfennigs „Das Reich der Tiere“, das 2007 in Berlin vom Leibregisseur dieses Autors, von Jürgen Gosch († 2009), uraufgeführt worden war. Schimmelpfenning, der dieses Drama nun selbst als Autor-Regisseur inszeniert, versteht es als Mittelteil einer Trilogie. Was also ist das zentrale Thema? Ein Spiel im Spiel. Fünf Darsteller geben ein Stück, das seit sechs Jahren aufgeführt wird, sechs bis neunmal die Woche. Manche der Schauspieler sind seit Beginn dabei. Das bedeutet größtmögliche Präsenz bei maximaler Anonymität. Hinter den Tiermasken sind sie kaum zu erkennen. Nicht einmal die Theaterleitung kennt sie inzwischen noch.

Sie sind austauschbare Schauware. Und die fünf, die man am Anfang hinter der Bühne sehen kann, haben Existenzängste. „Das Reich der Tiere“ wird abgesetzt. Im nächsten Stück geht es nur noch um Gegenstände. Verlangt wird die Darstellung von Toastbrot, Spiegelei, Pfeffermühle und Ketchup-Flasche. Die Spieler rebellieren in den Garderoben gegen diese Demütigung, aber man ahnt: Sie werden alles tun, um weiter aufzutreten, beruflich überleben zu können. Sie brauchen das Geld und die Aufmerksamkeit. Familie? Ein Kind? Lächerlich! Da zuckt der Erzeuger nur müde mit den Achseln.


Einer, der Schauspieler wird sogar leicht kriminell, um an den Autor-Regisseur ran zu kommen. Diese Szenen in der Mitte, mit Stokowski als sich dem „Netzwerk“ Andienendem und Philipp Hauß als Bestohlenem, haben die intensivsten Momente des zweistündigen Abends. Hauß, der selbst zuweilen Regie führt, bereitet es sichtlich Vergnügen, ein Prachtexemplar des borniert Modischen zu spielen, Stokowski, dieser geniale Charakterkopf, schafft es, den verschlagen Durchschnittlichen zu verkörpern. Die Begegnung der beiden gerät zur reinen Farce.

Beschränkte Texter und Darsteller

Die simple Botschaft hier: Nur beschränkte Texter und Darsteller bringen es zu Ruhm und Geld – in der Werbung. Aber was sagt der Rest? Nicht besonders viel. Die Tierfabel als Parabel für die Darstellenden Künste wird im Akademietheater von diesem Ensemble gekonnt gespielt, die vergleichsweise zurückhaltende Inszenierung funktioniert auch noch recht gut, aber der Text ist wirklich nicht fabelhaft, sondern oberflächlich, wenn man die starke Begabung dieses viel schreibenden Erfolgsdramatikers bedenkt. Er walzt sein Thema aus: Die Welt des Prekariats ist brutal, die Brutalen setzen sich durch, der Rest muss sich erniedrigt durchschlagen.


Ein gelungenes Bild gegen Ende: Das Spiel ist aus, die Schauspieler gehen hinter Plexiglas-Wände und waschen ihre falsche Existenz gründlich ab. Und ein plattes Bild zum Finale: Schließlich stehen sie als überdimensionierte Objekte aus der Küche auf der Bühne, die eine ölige Gestalt, der begeisterte Dumm-Dramatiker moderiert. Ist das der tolle Oest unter dem gewaltigen Spiegelei-Kostüm, die elegante Haupt im gigantischen Toastbrot, der wunderbare Knaack in der zwei Meter hohen Ketchup-Flasche, die ausdrucksstarke Peters in der XXXL-Pfeffermühle?

Zu manchen Events sind das die falschen Fragen. Starker Applaus bei der Premiere.