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Marsch in Moskau: Die Wiedererweckung der Opposition

A portrait of Kremlin critic Boris Nemtsov, who was shot dead on Friday night, is seen during a march to commemorate him in central Moscow
REUTERS
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Die Trauerkundgebung für den ermordeteten Oppositionsführer Boris Nemzow geriet zu einer mächtigen Anti-Putin -Demo: Zehntausende Menschen marschierten mit.

Moskau. Offiziell war es eine Trauerkundgebung. Doch de facto wurde der Aufmarsch in der russischen Hauptstadt Moskau zu einer massiven Demonstration gegen den russischen Präsidenten, Wladimir Putin. Bis zu 100.000 Personen nahmen am Sonntag laut den Organisatoren an der Gedenkkundgebung für den Freitagabend ermordeten Oppositionsführer Boris Nemzow teil. Seit den Protesten gegen Putin im Winter 2011/12 waren in der russischen Hauptstadt nicht mehr so viele Russen bei einer Veranstaltung der Opposition auf die Straße gegangen.

Zusammengebracht hatte sie der Ärger auf die Herrschenden – darauf, dass ein wichtiger Politiker wie Nemzow so einfach auf offener Straße erschossen werden konnte. Zuletzt schien die russische Opposition phasenweise wie paralysiert. Doch der Mord an Nemzow hat sie offenbar aufgerüttelt.

Die Hintergründe des Attentats liegen nach wie vor im Dunkeln. Nemzow war Freitagabend nahe dem Kreml von vier Kugeln niedergestreckt worden. Der Moskauer Fernsehsender TWZ zeigte nun die Aufnahmen eines Überwachungsvideos. Darin ist nach Darstellung des Senders zu sehen, wie sich Nemzow mit seiner Begleiterin gegen 23.30 Uhr (21.30 Uhr MEZ) auf der Großen Moskwa-Brücke in Kreml-Nähe bewegt und von einem Mann verfolgt wird. Eine Kehrmaschine verdeckt dann die Sicht auf das Paar und den Mann. Wenig später ist zu sehen, wie der mutmaßliche Täter auf die Straße läuft, in ein Auto einsteigt und flüchtet. Etwa zehn Minuten danach trifft die Polizei ein. Die Begleiterin des 55-Jährigen blieb unverletzt. Berichte, das Fluchtauto der Attentäter sei gefunden worden, wiesen die Behörden am Sonntag zurück.

 

„Das ist Faschismus“

Nemzow gab kurz vor dem Attentat auf ihn ein Radiointerview, in dem er den Kreml-Chef erneut scharf kritisierte. Und er äußerte die Angst, umgebracht zu werden. Wer ihn töten lassen wolle, hatte der Oppositionschef schon in der Vergangenheit mehrmals gesagt: Wladimir Putin. Nemzow, einst russischer Vizepremier in den Neunzigerjahren, gehörte zu den schärfsten Gegnern Putins.

Russlands Präsident Putin hat bereits am Samstag den Mord an Nemzow verurteilt, ihn als eine gegen die Regierung gerichtete „Provokation“ bezeichnet und jede Schuld von sich gewiesen. Doch die Opposition weist Putin die politische Verantwortung zu. „Es war das Fernsehen. Ständig diese Propaganda“, schimpfte Ljuba, die am Sonntag bei der Kundgebung mitmarschierte. Die 44-jährige Moskauerin steht bei Wind und Nieselregen mit Zehntausenden anderen im Zentrum Moskaus. Sie und ihre Familie bereiten sich auf den Trauermarsch vor. Auf dem Rücken ihres Mannes befestigt sie ein Klebeband. „Ich bin Boris Nemzow“ ist darauf zu lesen. Daneben ein gezeichnetes, rotes Fadenkreuz. Ihrem Sohn drückt sie eine kleine Russland-Flagge in die Hand.

Mit Nemzow habe Russland einer seiner besten Menschen verloren. Ein echter Politiker sei der ehemalige Vizepremier gewesen, stets ehrlich und fröhlich. Er habe nicht wie viele nebenher noch eigene Geschäftsinteressen verfolgt. „Was hier passiert ist, ist Faschismus!“, sagt Ljuba weiter, begrüßt eine Freundin, verabschiedet sich und geht in Richtung des Demonstrationszuges davon. Dem durch die Propaganda vergifteten Klima gaben viele der Trauernden die Schuld am Tod Nemzows. Auf Plakaten stand zu lesen: „Propaganda tötet!“ oder „Vier Kugeln. Pervji Kanal. Rossija 24. NTW. Rossija 1“. Es sind dies die vier größten staatlichen russischen TV-Kanäle. Mit vier Kugeln wurde Nemzow hinterrücks erschossen.

Unablässig wurden auf diesen Sendern Nemzow und andere Oppositionelle als vom Westen gesteuerte fünfte Kolonne, deren einziges Ziel es sei, Russland zu schaden, diffamiert. Konkrete Fragen nach den Hintergründen der Tat werden ausweichend beantwortet. Putin sei nicht direkt schuld an der Ermordung des Oppositionspolitikers, meint etwa Alexandra. Er habe allerdings ein Klima geschaffen, in dem das möglich ist. „Er hat den Geist aus der Flasche gelassen.“ Der Zug endete auf der Großen-Moskau-Brücke, wo Nemzow in Sichtweite des Kremls von Unbekannten erschossen wurde.

 

Ukrainischer Abgeordneter verhaftet

Viele Teilnehmer trugen die russische Trikolore mit schwarzem Trauerflor, vereinzelt waren auch ukrainische Flaggen zu sehen. Nemzow war ein vehementer Kritiker der russischen Aggression in der Ukraine und hat als einer der wenigen im Land öffentlich gegen die Annexion der Krim protestiert. Am Rand der Kundgebung wurde jedoch ein ukrainischer Abgeordneter verhaftet. Russische Medien berichteten, dass Alexei Gontscharenko, der für den Block Poroschenko im Kiewer Parlament sitzt, im Zusammenhang mit den Ereignissen in Odessa vom 2.Mai 2014 vernommen werden soll. Dutzende, vor allem Unterstützer der prorussischen Separatisten, starben damals, als ein Gewerkschaftshaus abbrannte.

AUF EINEN BLICK

Protest. Zehntausende Menschen haben am Sonntag bei einer Demonstration in Moskau an den ermordeten Kreml-Kritiker Boris Nemzow erinnert. An der Spitze des Gedenkzuges in der russischen Hauptstadt trugen die Demonstranten ein Banner mit der Aufschrift „Helden sterben nie – diese Kugeln gelten uns allen“. Die Ermordung des prominenten Dissidenten am Freitagabend auf einer Brücke in Sichtweite des Kreml hatte weltweit Bestürzung ausgelöst. Die Polizei sprach von mehr als 16.000 Demonstranten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.03.2015)