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Eat the Rich

Die Sozialdemokraten werden im Europawahlkampf schonungslos mit dem ungezügelten Markt abrechnen. Da wird der ungezügelte Markt aber ganz schön „hallo“ schreien. Leitartikel von Michael Fleischhacker

Ende der 80er-Jahre kam in England der Film „Eat the Rich“ in die Kinos. Er handelt von Alex, dem Kellner des Nobelrestaurants Bastards, der sich, nachdem man ihn rausgemobbt hat, grausam rächt: Mit Freunden überfällt er den Laden, die Truppe tötet Alex' Exkollegen und die Gäste. Die Ermordeten werden zu Speisen verarbeitet, das Restaurant wird von Bastards in Eat the Rich umbenannt – und boomt: Die Leute halten die Auskunft, man bekomme in dem Laden, in dem man besonders schlecht behandelt wird, auch Menschenfleisch serviert, für eine besonders abgefahrene Werbestrategie.

Margaret Thatcher, eine der Ikonen dessen, was man heute als „Neoliberalismus“ bezeichnet, war damals auf dem Höhepunkt ihrer Macht. Und wenn man Kidnapping und physische Gewalt gegen Unternehmensleiter als Vorboten einer sich entwickelnden Revolutionsenergie nehmen will, könnte das Konzept Eat the Rich in unseren Tagen Nachahmer finden.

Jedenfalls klingt das, was die österreichische Sozialdemokratie in ihrem Europa-Wahlkampf thematisiert, ein wenig nach der Simmeringer Variante britischen Humors. Weil nämlich: Hannes Swoboda, Günther Kräuter und Werner Faymann wollen dem Brüsseler Neoliberalismus den Garaus machen. Das wird sicher lustig.

„Mit den Irrwegen der EU“ wird die SPÖ genauso „schonungslos“ abrechnen wie mit „dem ungezügelten Markt“, sagt Günther Kräuter. Hannes Swoboda, Neuling im komischen Fach, doziert derweil weitgehend sinnfrei: „Wir brauchen Marktwirtschaft, aber keine Marktgesellschaft.“ Heißt nix, klingt auch so. Ja, und natürlich der Große Vorsitzende selbst. „Die Welt des Neoliberalismus ist zusammengebrochen“, richtete er „Meinl und Konsorten“ aus.

Die herrschende Stimmung haben die Fantastischen Drei sicher getroffen, das kann man derzeit in vielen Diskussionen über „Meinl und Konsorten“ hören: Die Menschen empört nicht so sehr, dass Herr Meinl möglicherweise gegen das Aktiengesetz verstoßen hat. Sondern dass er so unverschämt reich ist und das so unverschämt gern zeigt.

Die Rolle des racheübenden Kellners Alex aus dem Endachtzigerfilm spielen heute die Medien: Sie schlachten und faschieren die eben noch Hofierten und setzen sie den nachkommenden Gästen – exklusiv – als Mehrsternmenü vor. Irgendwie verständlich: Die Gäste haben sich nicht gut benommen, sie waren garstig zum Personal, und ein Gutteil von ihnen hat sich einen Dreck um die Hausordnung geschert.

Langfristig ist Eat the Rich ein prekäres Konzept: Es gibt neben der Ungerechtigkeit der Welt einen weiteren Grund dafür, dass die Reichen reich sind: Sie verstehen etwas von ihrem Geschäft. Sie zahlen übrigens überwiegend Steuern, nicht zu knapp.

Dass diejenigen unter ihnen, die den Hals nicht voll bekommen konnten, sich jetzt für ihr Tun verantworten müssen, ist trotzdem fein. Genießen wir es, das bringt uns auf andere Gedanken. Denn wenn auch die nächste Milliardenparty vorbei ist, nämlich diejenige, welche die Faymanns, Kräuters, Swobodas, Prölls „und Konsorten“ gerade in aller Bescheidenheit schmeißen, werden wir uns ohnehin in derselben Rolle wiederfinden wie jetzt.

Als Zahler.

michael.fleischhacker@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.04.2009)