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Doping neben dem Bügeleisen

Biathlet Wolfgang Perner Dopingrazzia
(c) APA (ORF)
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Am 29. Jänner 2006 betreten zwei Dopingkontrollore die Pension „Erzherzog Johann“ in der Ramsau. Sie suchen ÖSV-Langläufer – und finden Medikamente, eine Blutzentrifuge sowie massenweise Nadeln.

Als wir ankamen, sahen wir niemanden. Nachdem wir eine Weile im Hotelflur gewartet haben, suchten wir nach Personen, die uns Auskünfte geben könnten. Dabei stießen wir auf einen Raum im Keller. Dort standen zwei Tische. Einer war voll mit Medikamentenschachteln, auf dem anderen stand eine Blutzentrifuge, daneben lagen viele Nadeln. Im nächsten Raum fanden wir Gerlinde Mayer. Sie bügelte gerade ihre Wäsche.“

Es klingt nach Idylle am Bügelbrett, ist allerdings der Auslöser des größten Dopingskandals der österreichischen Sportgeschichte: Die Aufzeichnungen zweier Kontrollore, die am 29.Jänner 2006 Blut- und Urintests bei Österreichs Langläufern in der Pension „Erzherzog Johann“ in der Ramsau durchführen wollten, führten Wochen später zur Razzia bei den Olympischen Spielen 2006 in Turin. Der Bericht der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA von den Ereignissen (siehe Faksimile) wurde unter Verschluss gehalten. Der „Presse am Sonntag“ liegt nun das dreiseitige Dokument vor.

Die Dopingjäger der schwedischen Agentur „International Doping Tests & Management“ schildern darin ihre Erlebnisse. „Sie (Frau Mayer, Anm.) schrie, dass hier niemand vom Team sei, sondern nur Servicepersonal. Sie lief uns nach und schrie, ,verlassen Sie mein Haus sofort oder ich rufe die Polizei. Das ist mein Privathaus, ich erlaube Ihnen nicht, hierzubleiben‘.“ Die Kontrollore blieben – und fanden den Langläufer Johannes Eder. Doch: „Sie erlaubte uns nicht, die Dopingkontrolle in der Pension durchzuführen.“

Der Vorfall wurde von den Langläufern und Walter Mayer verschwiegen. Das Team fuhr Tage später nach Turin.

Am 18. Februar rückten Carabinieri mit Blaulicht und Maschinenpistolen aus, um die Olympia-Quartiere der Biathleten und Langläufer in San Sicario und Pragelato zu durchsuchen. Walter Mayer, der trotz IOC-Sperre vor Ort war, und Trainer Emil Hoch ergriffen die Flucht. Nach der Razzia folgten ihnen die Biathleten Wolfgang Perner und Wolfgang Rottmann Hals über Kopf.

Zurück blieben ein aus dem Fenster geworfenes Plastiksackerl, leere Blutbeutel, Nadeln, Spritzen, Kochsalzlösungen, ratlose Kollegen, überforderte Sportfunktionäre und ein Skandal, dessen Ausläufer noch heute Österreichs und Italiens Justiz beschäftigen.

Damals wurde beim Österreichischen Skiverband (ÖSV) vor allem diskutiert, ob die Kontrollore überhaupt (ungebeten) in die Pension hätten eintreten dürfen. Ihr Bericht wird bis heute angezweifelt. Die Blutzentrifuge soll in Wahrheit ein Lactat-Messgerät gewesen sein. Gerlinde Mayer gab das Ende 2008 eidesstattlich zu Protokoll.

Im Februar 2006 sagte IOC-Präsident Jacques Rogge: „Für mich ist Mayer der Mann, der Doping organisiert.“ Ihm wurden Klagen angedroht, Sport-Gazetten argwöhnten über eine Verschwörung gegen Österreichs Sportler.

Heute sind Mayer und sein „Olympia-Gast“ Stefan Matschiner wegen des Verdachts auf Handel mit Dopingmitteln in Haft. Für sie gilt die Unschuldsvermutung genauso wie für jene damals in der Pension „Erzherzog Johann“. Die Blutzentrifuge übrigens, anhand der Matschiner Bluttransfers an Bernhard Kohl durchgeführt haben soll, steht nun angeblich in Budapest.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.04.2009)