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Reinziehen, was geht - die gedopte Gesellschaft

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Muntermacher, Auffrischer, Stresslöser: Immer mehr Menschen greifen in den Medikamentenschrank, um ihr Leben zu meistern. Doping ist zur Triebfeder einer Leistungsgesellschaft geworden.

Die Kapsel schluckt er runter wie ein Bonbon. Mittlerweile ganz ohne Wasser. „Zwei, drei pro Tag, mehr nicht“, sagt Norbert S. Am Wochenende geht's dann ohne. „Dann schlaf ich durch. Dann kannst du mich vergessen.“

Methylphenidat heißt der Inhalt des Präparats. Auch Managerpille genannt. Norbert hetzt von einem Meeting zum nächsten. Wirkt kompetent, etwas zu aggressiv. „Schlafen Sie in der Nacht oder steckt man Sie an den Akku an – wie bei einem Handy?“, wurde er schon gefragt. Drei, vier Stunden Schlaf genügen dem Jungmanager in einem österreichischen Großkonzern. „Das Ganze ist nur ein Spiel“, sagt er. „Du gewinnst oder du verlierst.“

Bei dem Wort „Doping“ denken viele an Leistungssport. Die Dopingaffäre, die seit Wochen die Schlagzeilen bestimmt, ist aber in Wahrheit nur das Abbild einer gedopten Gesellschaft. Bereits von Kindesbeinen an wird die Konkurrenzfähigkeit mit Hilfe der Pharmazie erhöht. Kinder mit Konzentrationsstörungen werden mit Ritalin ruhiggestellt (siehe Seite 42). Die Wunderdroge unserer Leistungsgesellschaft kommt in Schulen, Universitäten und in den Vorstandsetagen zum Einsatz. Eine Umfrage des Forschungsmagazins „Nature“ unter 1400 Wissenschaftlern in 60 Ländern ergab, dass 20 Prozent auf Ritalin abfahren.

Boom bei Muntermachern. Der Absatz diverser Muntermacher in den Industriestaaten hat sich seit 1999 verzehnfacht. Die „Dopingmittel“ gibt es auf Rezept. Wer bei seinem Hausarzt über Schlafstörungen klagt, bekommt Präparate wie Provigil verschrieben. Es hat bei gesunden Menschen den gegenteiligen Effekt, macht frisch und munter, steigert die Leistungsfähigkeit. Und es ist billiger und vor allem risikoloser als illegale Drogen wie Kokain.

Doch auch der Konsum von Kokain dürfte in den vergangenen Jahren in Österreich erschreckend deutlich zugenommen haben. Das geht aus dem Drogenbericht 2007 hervor. Da hat die Polizei um 26,4 Prozent mehr „Koks“ sichergestellt als noch im Jahr davor.


Griff zur Flasche. Und trotzdem begegnen die meisten Menschen in Österreich dem gestiegenen Leistungsdruck am Arbeitsplatz nicht mit Tabletten, sondern mit jenem Wundermittel, das in Maßen genossen das Leben verlängert, das allgemeine Wohlbefinden steigert, Krebs und Depressionen vorbeugt und für ein rundum gesundes Herz-Kreislauf-System sorgt. Immer wieder wird (meist verkürzt) von Studien berichtet, die die vermeintlich positiven Eigenschaften der Volksdroge Nr. 1 hervorstreichen: des Alkohols. In unserem Land, dem Forscher eine Million „Problemtrinker“ attestieren, werden Nachrichten wie diese wohlwollend aufgenommen. Der Rausch als Doping für das Volk?

„Sieht man davon ab, dass selbst übermäßiger Konsum von Alkohol nicht strafbar ist, könnte man es durchaus so bezeichnen“, sagt Michael Musalek, Psychiater, Psychotherapeut und Leiter des auf Suchterkrankungen spezialisierten Anton-Proksch-Instituts in Wien. Neben jenen, die Alkohol vor allem als Genussmittel konsumieren, bekommen es die Mediziner auch mit Personen zu tun, die mehr oder weniger hochprozentige Getränke ganz bewusst und ohne jede Anleitung als eine Art Medikament zur persönlichen Leistungssteigerung einsetzen.

Auch Gerfried F. (voller Name der Redaktion bekannt) fand zum Dopingmittel Alkohol. Leistungsdruck und andere „unangenehme Gefühle“, die ihn während des BWL-Studiums plagten, ertränkte er gezielt in Alkohol. Als die übliche Menge dafür nicht mehr ausreichte, erhöhte F. die Dosis und machte die Entdeckung, dass die gemeinsame Einnahme von Alkohol und dem Aufputschmittel Captagon (der enthaltene Wirkstoff Fenetyllin steht auf der schwarzen Liste der Welt-Anti-Doping-Agentur) nächtelanges Lernen und Feiern möglich machte.

Viele solcher Fälle landen irgendwann in der stationären Abteilung des Anton-Proksch-Instituts. Denn die Medizin weiß heute, dass gerade der gezielte Einsatz von Alkohol für die persönliche Leistungssteigerung oft zur Sucht führt. Die häufigsten Motive für die Selbstmedikation mit der Flasche sind unter anderem die enthemmende und angstlösende Wirkung, Stressabbau, Steigerung der Kreativität und in gar nicht so seltenen Fällen einfach nur ein Mittel, um in einem gescheiterten Privatleben „die eigene Familie ,auszuhalten‘“, sagt Musalek.


Futter fürs Hirn. Das Dopingmittel Alkohol gibt es in rauen Mengen im Supermarkt. Die sogenannten Psycho-Pillen beim Arzt oder im Internet. Doch längst wollen die Nahrungsmittelkonzerne der Pharmaindustrie den Milliardenmarkt mit dem Hirndoping streitig machen. Schon setzen die Konzerne auf sogenanntes „Brain-Food“, testen Wissenschaftler, welche Mittel man Fertiggerichten beifügen könnte. US-Forscher versuchten es etwa mit einem Alzheimer-Medikament bei Piloten. Fazit: Die Versuchskaninchen erzielten am Flugsimulator deutlich bessere Werte. Stefan Knecht, Neurologe an der Universität Münster, verabreichte seinen Testpersonen das Parkinson-Medikament Levodopa. Und siehe da: Die Probanden merkten sich Vokabeln wesentlich leichter.

Der Werbeslogan österreichischer Skifahrer „Iss was G'scheits“ könnte also in gar nicht allzu ferner Zukunft tatsächlich Realität werden. Hirnnahrung aus dem Supermarktregal wäre die logische Folge unserer auf Leistung getrimmten Gesellschaft.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.04.2009)