Sie kommen zwei Abende in der Woche, und sie trinken viel. Mit dem „Pubcrawling“, organisiertem Trinken, hat Wien die Diskussion ums Komatrinken wieder.
Warum, fragt Tomas, der Tscheche, warum brauchen wir immer Alkohol, um Spaß zu haben? Tomas steht in der Sterngasse im Wiener Bermudadreieck und beobachtet, wie die Gruppe junger Leute, mit der er unterwegs ist, Wodka aus Plastikbechern trinkt. Einen „Shot“ Alkohol, auf der Straße. Und ex. Es ist Mittwochabend, und Mittwochabend im Bermudadreieck heißt seit Kurzem auch: Es wird durch die Pubs gecrawlt.
Mit einiger Zeitverzögerung hat es das Phänomen Pubcrawling nach Wien geschafft. Organisiertes Gemeinschaftstrinken in und vor Lokalen. Crawlen, kriechen, eine Anspielung auf den späteren Zustand der Teilnehmer. 10 Euro kassieren die Organisatoren, zwei Studenten, dafür versorgen sie die Teilnehmer auf dem Weg von Lokal zu Lokal mit Wodka. Wer will, bekommt auch Wasser. Die meisten wollen nicht. Was in den Pubs konsumiert wird, zahlt jeder selbst. Um mitzumachen, muss man über 18 sein. 20, 22 junge Menschen sind es an diesem Abend. Wiener, Erasmus-Studenten, Touristen. Felipe, ein Brasilianer, Zach aus Kanada. Nice to meet you. Trinken unter Fremden, die einander später Freunde nennen. Für einen Abend.
„SOS Pubcrawl“ nennen die Organisatoren Mario, ein Burgenländer, und Drew, ein Amerikaner, die Tour. SOS, das klingt nach alkoholbedingten Notfällen. Tatsächlich, erzählt Drew, als er die Gruppe zum ersten Pub führt, habe man noch nie die Rettung rufen müssen. Es gehe nicht so sehr ums Trinken, auch wenn, „of course“, am Ende alle betrunken sind. Viel wichtiger sei, „a good time“ zu haben, neue Leute kennenzulernen. Drew wird das immer wieder betonen. Er weiß: Von außen betrachtet wirkt das anders, weniger harmlos, als er es darstellt. Wenn 20 Menschen in der Nacht auf dem Gehsteig stehen und einen Shot nach dem anderen trinken, dazu laut reden, singen, denkt man schnell: Komatrinker. Die „Koma whatever“-Sache, nennt es Drew, und die geht ihm auf die Nerven. Auch weil die Wirte, die mit ihnen kooperieren, nervös werden. Eine neue Komatrinken-Debatte will hier keiner.
Genau die haben die Pubcrawler, wiewohl alle nicht minderjährig und weit entfernt, sich in die Bewusstlosigkeit zu trinken, nun hochgespült. Und damit wieder einmal die These, wonach Teenager heute hemmungsloser trinken als früher. Tun sie das? Das (wenige) Zahlenmaterial spricht klar dafür. In den Spitälern des Krankenanstaltenverbunds wurde 2008 fast jeden zweiten Tag mindestens ein Jugendlicher wegen schwerer Alkoholisierung stationär behandelt, 209 insgesamt. Im Jahr 2000 waren es erst 146. Jugendforscher Philipp Ikrath (tfactory) sagt, dass schweres Trinken bei den ganz Jungen, vor allem bei Mädchen, zugenommen hat. Die KAV-Statistik stützt das: Die Zahl der unter 14-Jährigen, die eingeliefert werden, wächst, zwei Drittel sind Mädchen. Weil Jugendliche, wie die Timescout-Studie zeigt, immer weniger fortgehen, müssen die wenigen Male besonders sein. „Dann“, so Ikrath, „lassen sie's richtig krachen.“ Drew würde das wohl „having a good time“ nennen. Der aktuelle Espad-Report, der den Alkoholkonsum 15- und 16-Jähriger in 35 Ländern vergleicht, listet Österreich als Problemland Nummer eins auf. 80% der Teenager gaben an, in den letzten 30 Tagen Alkohol konsumiert zu haben, ein Rekordwert in Europa.
Klingt nach „Wir haben ein Problem mit jugendlichen Trinkern“. Experten beschwichtigen. Die Espad-Ergebnisse seien völlig unplausibel, sagt Alfred Uhl, der die Studie in Österreich durchgeführt hat. Weil ihm die Ergebnisse im Vorjahr zu hoch schienen, führte er parallel eine Validitätsstudie durch. Ergebnis: Viele haben die Fragen nicht richtig verstanden. So wurde die Menge des konsumierten Alkohols überschätzt. Nach den Zahlen, sagt Uhl, „müssten 13% der Befragten tot sein“. Uhl, der am Anton-Proksch-Institut die Suchtpräventionsforschung und -dokumentation koordiniert, glaubt nicht, dass Jugendliche heute mehr trinken als früher. Sie erleben den ersten Rausch nur in jüngeren Jahren, „weil heute alles früher stattfindet. Das bedeutet aber nicht, dass es langfristig mehr Probleme geben wird.“
„Kreislaufprobleme“. Dass wir trinkende Teenager heute stärker wahrnehmen als früher, liegt daran, sagt Uhl, dass Alkoholräusche früher nicht so dramatisch gesehen wurden. Das Bewusstsein sei gestiegen. Ärzte würden verlässlicher dokumentieren. Früher stand statt „Alkoholisierung“ oft schlicht „Kreislaufprobleme“, was aus seiner Sicht die steigende Zahl an Spitalsbehandlungen erklärt.
Gegen 23 Uhr sind die Pubcrawler im „Barhammer“ angekommen. Die Stimmung ist gelöst, es wird getanzt. Tequila ist hier billiger als Mineralwasser, Bryan Adams darf hier „Summer of '69“ singen. „The best days of my life“, grölt die Pubcrawl-Runde mit. Tomas' Frage, warum sie immer Alkohol brauchen, um Spaß zu haben, hat keiner beantwortet.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.04.2009)