Werksschließungen in der Peripherie vernichten Arbeitsplätze, dadurch sinkt die Attraktivität des Landlebens. Wie die weltweite Wirtschaftskrise die Landflucht verstärkt.
Erna Gruber hat den Anfang der Fabrik erlebt – und ihr Ende. Seit 1957 lebt die 82-Jährige in dem kleinen, eternitverkleideten Häuschen am Ortsrand von Schrems, einer 6000-Seelen-Gemeinde im hintersten Eck des Waldviertels. Direkt vor ihrem Wohnzimmerfenster hat 1960 der Strumpfherstellers Ergee ein Werk eröffnet, das sich in den folgenden Jahrzehnten zum Zentrum eines global tätigen Unternehmens mit 5300 Mitarbeitern auswachsen sollte.
Wenn Erna Gruber heute aus ihrem Fenster schaut, sieht sie dort nur noch das Skelett einer Fabrik: Die vier Stockwerke hohe, hohle Hülle der braunen Werkshalle. Den leeren Firmenparkplatz, wo früher hunderte Arbeiter ihre Autos abstellten. Die Fenster der Betriebskantine, durch die fahl Pokale schimmern, die die Belegschaft einst am nahen Fußballplatz gewonnen hat. Ende November vergangenen Jahres hat Ergee Konkurs angemeldet – auch wegen der Finanzkrise. Zu diesem Zeitpunkt waren hier nur noch 197 Menschen als Lagerhalter und Verwalter beschäftigt, die Produktion haben die Eigentümer bereits seit Längerem nach Tschechien ausgelagert.
Exodus der Jungen. 197 Arbeitsplätze weniger an einem Ort, von dem man mit dem Auto fast zwei Stunden nach Wien fährt, wo die größte touristische Attraktion der nahe Naturpark ist und wo es selbst im Stadtzentrum nach Moor und Nadelwald riecht: eine Katastrophe. Was die ehemaligen Ergee-Mitarbeiter aus der Region stattdessen machen? „Alternativen? Da schaut's schlecht aus“, befindet Erna Gruber. „Die Jungen, die noch kein eigenes Haus haben, die ziehen weg.“
Dabei wäre Schrems eigentlich ein lebenswerter Ort. Die Luft ist klar, Kriminalität gibt es so gut wie keine, zahlreiche Vereine werben um Mitglieder. Als sich Ergee vor 50 Jahren hier angesiedelt hat, war die Bevölkerungszahl im Steigen: Mehrere Unternehmen siedelten sich in der „Granitstadt“ Schrems, einem der wenigen industriellen Zentren des Waldviertels an, mit ihnen wuchs auch die Stadt – auf über 6000 Einwohner in den 1970er-Jahren. Seither geht es bergab: 2008 ist die Einwohnerzahl mit 5691 auf dem niedrigsten Punkt seit 1961 angelangt – Tendenz fallend. Was diese Zahlen aber nicht zeigen: Es sind vor allem die jungen, mobilen Menschen, die in größere Städte wegziehen. Zurück bleiben die Pensionisten, Nebenwohnsitzer und ältere Menschen – die wiederum für Arbeitgeber wenig attraktiv sind: Ein Teufelskreis, der sich dank der Wirtschaftskrise noch beschleunigt – auch der größte Schremser Betrieb, die Elektrotechnikfabrik Moeller hat angekündigt, aufgrund krisenbedingter Auftragseinbrüche 120 Arbeitsplätze streichen zu müssen.
Kampf um Betriebe. „Es ist nicht leicht bei uns“, sagt Reinhard Österreicher, Bürgermeister der Stadt. Der SP-Politiker ist frustriert; in den vergangenen Jahren hat er mühsam für Betriebsansiedlungen gekämpft: Hier expandiert die Waldviertler Schuhwerkstatt um einige Mitarbeiter, hier siedelt sich ein holzverarbeitender Betrieb an, hier eröffnet ein neues Besucherzentrum für das benachbarte Hochmoor – fünf Arbeitsplätze hier, sieben dort; und dann schließt Ergee, und wieder stehen 197 Menschen auf der Straße – „natürlich eine Riesenenttäuschung“, sagt Österreicher: ein Kampf gegen Windmühlen; gegen die Auswirkungen einer globalen Krise, gegen die – obwohl die Schließung von Ergee absehbar war – der Kleinstadt-Bürgermeister allein kaum ankommen könne.
Auch von der Politik fühlt sich Österreicher alleingelassen – und das nicht erst seit der Krise: Die Franz-Josefsbahn, die die Waldviertler Peripherie mit Wien verbindet, sei in den vergangenen Jahrzehnten – allen Beteuerungen von Investitionen in die Infrastruktur zum Trotz – immer langsamer geworden: „Da brauchte man schon einmal eine Stunde und 50 Minuten nach Wien, heute sind es zwei Stunden zwölf.“
Keine Grenzeuphorie. Auch vom Fall der keine zehn Kilometer entfernten Grenze nach Tschechien hat Schrems kaum profitiert. „Was soll von dort auch groß kommen, auf der anderen Seite gibt es genauso wenig wie hier herüben“, sagt Gerald Sanca, der sich Gedanken macht, wie er seine Imbissstube weiter finanzieren soll, die keine hundert Schritt von dem alten Ergee-Werk gelegen ist. Nur noch mehr Arbeitssuchende, und davon hätte Schrems eigentlich auch selber schon genug, findet Sanca. Die grenznahen Dörfer in Tschechien hätten ähnliche Probleme wie auf der österreichischen Seite: Auch dort ziehe die Landflucht viele Menschen ab, nach Prag oder Budweis.
Vor dem Einkaufszentrum in der Schremser Stadtmitte lehnen zwei Schüler an einem tiefergelegten VW, normalerweise wohnen sie im Internat einer entfernten HTL, sind das Leben anderswo gewöhnt. Ob sie sich vorstellen können, trotzdem nach Schrems zurückzukehren? Einer lacht, der andere schüttelt ernst den Kopf: „Was sollt' ich hier noch tun?“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.04.2009)