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IS im Bildersturm: Kulturvandalen im Islam und anderswo

A man topples a statue in a museum at a location said to be Mosul
(c) REUTERS (REUTERS TV)
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Die Zerstörung von Statuen verbindet die IS-Vandalen nicht nur mit Bilderstürmern aller Religionen, sondern auch mit politischen Revolutionen.

Ist das Ganze am Ende nur ein Schmäh? Ein vergangene Woche veröffentlichtes Video hat die Welt empört, nicht nur die westliche. Es zeigt IS-Terroristen im Museum von Mossul im Nordirak, wie sie seelenruhig 3000 Jahre alte Statuen aus der Zeit assyrischer und anderer alter Dynastien demolieren. Das passt ins Bild der muslimischen Fanatiker, die gnadenlos gegen „Götzenbilder“ vorgehen, egal, welchen kulturellen Wert der Rest der Welt diesen beimisst. Es weckt Angst, denn man weiß spätestens seit 2001, wozu islamische Fundamentalisten fähig sind. Die gesprengten Buddha-Statuen im Tal von Bamiyan im Herzen Afghanistans sind international zum Symbol ihrer Zerstörungswut und Verblendung geworden.

In der „Los Angeles Times“ äußerte Christopher Knight jedoch einen interessanten Verdacht: Vielleicht seien auf diesem sehr fabriziert wirkenden Fünf-Minuten-Video gar keine wertvollen antiken Statuen zu sehen, sondern billige Imitationen? Die Mengen an Staub, die die zerbrechenden Kunstwerke aufwirbeln, deuten für ihn auf Gips als Material hin. Das Video könnte eine grotesk pervertierte Art von Performance-Kunst sein, meint er, nur um die Macht des IS zu demonstrieren, ein Drama eigens für die internationale Gemeinschaft, auf deren (aus Sicht der Terroristen) „hysterische“ Reaktion man verlässlich zählen kann.

 

Hauptsache, der Feind sieht es?

Echt oder nicht, die IS-Terroristen, die nun irakisches Kulturerbe vernichten, reihen sich mit dem Video nicht nur in eine angeblich alte, sondern zugleich lebendige junge Tradition ein, die Frage ist, wozu. Ist es ihnen wichtig, Götzen zu zerstören? Oder ist es ihnen vor allem wichtig, dass der „Feind“ es weiß – beziehungsweise es glaubt?

Wie sehr handeln diese „Barbaren“ aus Überzeugung, wie sehr zwecks Demonstration? Diese Grenze ist nicht nur bei den IS-Terroristen schwer zu ziehen. Sie ist es fast immer, wenn es um Kulturvandalismus geht. Auch sonst sind die gegenwärtigen islamischen Bilderstürmer kein so einzigartiges Phänomen. Das liegt gar nicht so sehr an der viel zitierten Bilderfeindlichkeit in der islamischen Geschichte.

Taliban und IS-Kämpfer können sich natürlich auf Hadithen (nicht auf den Koran) berufen, da heißt es, dass Mohammed im Jahr 632 in Mekka von den Arabern angebetete Götzenbilder zerschlug. Sie können sich auch auf einzelne Momente der islamischen Geschichte berufen, etwa die Verbrennung der Bibliothek von Alexandria unter Omar im Jahr 640. Er soll gesagt haben: „Stimmen die Bücher mit den Lehren des Koran überein, sind sie überflüssig. Widersprechen sie diesen, muss man sie verbrennen. Also Feuer!“ Aber selbst in den bilderfeindlichsten Zeiten islamischer Geschichte war die Frage, wie man das Bilderverbot interpretieren sollte, sehr umstritten. So zieht sich etwa die staunende Bewunderung der Buddha-Statuen seit der Frühzeit durch die Schriften islamischer Gelehrter.

Auch die Bilderstürmer anderer (monotheistischer) Religionen sind Verwandte der IS-Vandalen. Von ihnen gibt es genug – den das Goldene Kalb zerstörenden Moses, die Demolierer von Echnaton-Statuen im alten Ägypten, Papst Gregor den Großen, der Götzenbilder zerschlagen ließ, die Bilderstürmer in Byzanz und in der Reformation...

 

Jakobiner und DDR-Beamte

Aber wie sinnvoll ist es, die Vandalenakte der IS-Mörder vor allem (reaktionärer) religiöser Verblendung zuzurechnen? Der deutsche Historiker Alexander Demandt hat in den 1990er-Jahren den Begriff des „Kulturvandalismus“ geprägt. Dieser sei unabhängig von der Zivilisationsstufe der Täter, betont er. Nur seien die Vandalenakte früher mehr religiös motiviert gewesen, später immer mehr politisch; und das gerade in Revolutionen, die sich als sehr fortschrittlich sahen.

Demandt verweist auf die Kirchenzerstörung in der Französischen Revolution, auf DDR-Beamte, die alte Schlösser sprengen und die gotische Paulanerkirche in Leipzig abtragen ließen. Und dann gibt es noch eine Art von pädagogisch motivierter Zerstörung – etwa den Sturz von Stalinstatuen unter Chruschtschow oder von anderen kommunistischen Denkmälern nach der Wende.

 

Das Museum als Zeichen der Aufklärung

Meist geht es beim Kulturvandalismus darum: eine Kultur, eine Zivilisation verächtlich zu machen, ihr „Gesicht“ zu zerstören. Dass die IS-Kämpfer dieses Ziel auch im Museum betreiben, ist gar nicht erstaunlich. Gerade zu jener Zeit, in der in Frankreich der Begriff „vandalisme“ für die Kulturzerstörer der Französischen Revolution aufkam (der dann international Karriere machte), kam ebendort auch die Idee des Museums zum Durchbruch: als Signum einer neuen nationalen Identität im Zeichen von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, als Schutzbastion einer freien Kunst.

Das moderne Museum ist ein Produkt der Aufklärung, und es beruht auf der Trennung von Religion und Ästhetik: Kunstwerke haben darin einen Wert „an sich“, unabhängig von der „Ideologie“, die sie transportieren. So bemächtigen sich die IS-Terroristen mit ihrem Museumsvideo auch eines Symbols des Westens. Denn im Grunde ist die ganze „westliche“ Tradition der Kunstverehrung für sie nichts als – Götzendienst.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.03.2015)