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Denoke: „Die Jenufa könnte ich nach wie vor singen“

Angela Denoke
Angela Denoke(c) Wiener Staatsoper/Axel Zeininger

Angela Denoke, demnächst in Partien von Schostakowitsch, Wagner und Hindemith an der Wiener Staatsoper zu erleben, denkt über Emotionen in moderner Musik nach und frischt Erinnerungen an erste Engagements auf.

Ein wenig angeschlagen ist sie noch am Beginn der Proben: „Ja, die Grippe hat mich erwischt, wie so viele Kollegen auch. Und sie scheint mir heuer besonders hartnäckig.“ Am Sonntag will Angela Denoke freilich wieder mit vollem Elan ans Werk: Mit Schostakowitschs „Lady Macbeth von Mzensk“ beginnt eine Serie von Staatsopern-Aufführungen mit der Künstlerin, die sie von höchst unterschiedlichen Seiten zeigen wird.

Auf Schostakowitsch folgt Wagner – im österlichen „Parsifal“ ist Denoke wieder die Kundry –, gegen Ende der Spielzeit dann Cardillacs Tochter in der Wiederaufnahme der erfolgreichen Hindemith-Produktion. „Das ist sängerisch ein bisschen sperrig“, sagt Denoke, „aber es muss gelingen, der Sache doch Gefühl zu unterlegen.“

Meisterwerke des 20.Jahrhunderts – von Strauss über Janáček und Schostakowitsch bis Berg prägen neben Wagner Denokes Terminkalender. Neu ist die Judith in Bartóks „Blaubarts Burg“: „Ich habe immer schon in verschiedenen Stimmfächern gewildert, quergesungen sozusagen, und bin gut damit gefahren.“ Schostakowitschs „Lady“ ist der Denoke zwar seit der Wiener Premiere vertraut – „ich habe sie seither aber nicht mehr gesungen. Es ist wie eine Neueinstudierung.“

 

Jugenderinnerungen in Salzburg

Dasselbe passiert ihr im Salzburger Festspielsommer, wo man anstelle einer geplanten Uraufführung eine Neuinszenierung von Wolfgang Rihms „Eroberung von Mexiko“ ins Programm genommen hat: „Das hab ich schon in Ulm gesungen“, sagt die Denoke und erinnert sich hörbar gern an die Jahre ihres ersten Fest-Engagements. Freilich liegen zwischen den Rihm-Auftritten viel mehr Jahre als zwischen den „Lady Macbeth“-Serien in Wien: „Wir spielten das Stück kurz nach der Hamburger Uraufführung.“

Sie muss ihre Partie also so gut wie neu studieren, „hab sie natürlich komplett vergessen“. Doch liegt sie Denoke nach wie vor: „Die geht einfach so quer durch die Tessitura, eine Rolle, die alles braucht. Vielleicht kann ich aber heute doch besser damit umgehen als damals.“ Doch, wie gesagt, „quersingen“ lautet offenbar ihr Motto. Vor Kurzem hat sie in Janáčeks „Jenufa“ von der Titelpartie zur Küsterin gewechselt.

„Die Jenufa könnte ich aber nach wie vor singen. Man hat sie mir auch wieder angeboten. Aber mir war immer klar, dass ich relativ früh auch die Rolle der Stiefmutter singen wollte. Und zwar, weil ich glaube, dass diese Person nicht so alt ist, wie sie normalerweise besetzt wird. Wenn sie im ersten Akt von ihrer Jugend erzählt, scheint die Erinnerung noch frisch. Sie versucht ja mit allen Mitteln, Jenufa vor ihrem Schicksal zu bewahren.“

Dieses Rollendebüt hat die Denoke nach Stuttgart zurückgeführt, wo sie nach Ulm im Engagement war: „Es war wie nach Hause kommen. Viele Kolleginnen sind noch da. Ich freue mich, dass die Produktion jetzt öfter gezeigt wird.“

Ein Wechsel ins italienische Fach kommt für Angela Denoke dagegen eher nicht infrage. Zwar hat ihr Mentor, Gerard Mortier, ihr einst diesbezüglich ein verlockendes Angebot gemacht: „Aber das war das einzige Mal, dass ich ihm Nein gesagt habe. Ich fühle mich zu sehr daheim in meinem Repertoire. Es gibt im italienischen Fach bestimmte Gesetzmäßigkeiten, die meiner Stimme nicht bekommen. Deshalb habe ich kürzlich auch das Angebot abgelehnt, die Tosca zu singen. Ich würde lügen, wenn ich behauptete, dass mich das nicht gereizt hätte, ich habe auch lange mit mir gehadert, aber nach langem Hin und Her am Ende doch dagegen entschieden. Im Prinzip bin ich ja ein glücklicher Mensch, habe alles singen dürfen, was mich interessiert hat.“

 

Sängerglück: Alle Traumziele erreicht

Manche Partien, die für die Gesangsstudentin Traumziele waren, kamen sogar sehr früh in der Karriere, die Marschallin ebenso wie Tschaikowskys Tatjana: „Nach denen habe ich mich verzehrt.“ Solche Sehnsüchte gibt es keine mehr. Freilich: „Verliebt bin ich immer in die Partie, an der ich grade arbeite.“ Jetzt also die Lady, demnächst wieder die Kundry, über deren Vielschichtigkeit die Sängerin immer wieder staunt: „Es ist in der Tat spannend, was man bei jeder Neuproduktion wieder entdeckt. Das liebe ich ja, Rollen zu wiederholen. So kommt immer etwas Neues dazu.“

Was nicht heißt, dass sie an der szenischen Gestaltung einer Inszenierung wie jener von Christine Mielitz an der Staatsoper, bei der sie Premierenbesetzung war, viel ändern würde. „Nicht nach außen hin. Der wesentliche Unterschied hat mit dem inneren Erleben zu tun, das man dem Publikum nahezubringen versucht. Dass Produktionen nicht verschlampen, darauf lege ich großen Wert. Da ist ja einmal sehr viel daran gearbeitet worden. Das soll man dann auch erhalten. Da bin ich sehr norddeutsch, glaube ich. Es muss alles seine Ordnung haben.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.03.2015)