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Another Brick in the Wall

Alter Schulweg
(c) www.bilderbox.com (BilderBox.com)
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Wenn die missglückte Umsetzung der Neuen Mittelschule das Menetekel für die Gesamtschule ist, dann sollte man sich tatsächlich zu fürchten beginnen.

Die Idee hinter der Neuen Mittelschule war es, ein Hybridmodell aus Hauptschule und Gymnasium zu schaffen. Also eine bessere Hauptschule, mit Betonung auf besser. Eingetreten ist, was zu befürchten war: Die Neue Mittelschule ist um nichts besser als die Hauptschule. Sie ist de facto die Hauptschule – ambitioniertere Lehrpläne hin, mehr und besser ausgebildete Lehrer her.

Was uns zur nächsten Frage führt: Wenn die bildungspolitisch Verantwortlichen nicht einmal die Neue Mittelschule halbwegs passabel zusammengebracht haben, wie wollen sie dann jemals eine Gesamtschule schaffen? Denn dies ist noch wesentlich heikler: Wird ein Gesamtschulmodell eingeführt, das nicht funktioniert, dann geht ein ganzes Schul- und Bildungssystem den Bach hinunter.

Wobei man der Versuchung widerstehen sollte, ein weiteres Mal ausschließlich auf die glücklose Gabriele Heinisch-Hosek verbal einzuprügeln: In diesem Fall trifft sie nur eine Teilschuld. Sie hat das Projekt Neue Mittelschule geerbt – und danach in der Umsetzung halt auch nicht mehr die Kurve gekriegt. Die Neue Mittelschule war eine Erfindung von Claudia Schmied, die sie auch zu ihrem Prestigeprojekt hochstilisiert hat. Der Befund seit 2008 ist ernüchternd: Viel Geld, wenig Prestige. Ein weiterer Ziegelstein in der Mauer. Mehr nicht.

Ideologisch wird in dieser Frage zwischen die aktuelle Bildungsministerin und ihre Vorgängerin freilich kein Blatt passen. Nach Jahrzehnten hat die Neue Mittelschule der Sozialdemokratie endlich die Möglichkeit geboten, das Bildungssystem, das sie als Klassenbildungssystem interpretiert hat, aufzubrechen. Mit der Neuen Mittelschule hat man den Fuß in der Tür zu einer Gesamtschule – seit jeher der Wunschtraum sozialdemokratischer Bildungspolitiker. Und nicht nur dieser.

In der Bildungspolitik blieben die Unterschiede zwischen den Bürgerlichen und den Sozialdemokraten, zwischen der ÖVP und der SPÖ, über die Zeitläufte hinweg ausgeprägt. Die SPÖ wollte eine Schule für alle, um die Klassenunterschiede zu begradigen. Die ÖVP hielt am differenzierten, leistungsorientierten Schulsystem fest– als Verteidigerin des Gymnasiums.

In den vergangenen Jahren ist allerdings auch diese Front zusehends aufgeweicht worden. Die der ÖVP nicht gänzlich fern stehende Industriellenvereinigung propagiert eine gemeinsame Schule der Zehn- bis 14-Jährigen. Auch diverse ÖVP-Landesparteiobleute – von der Steiermark bis in den Westen – haben sich damit angefreundet.

Nun kann man bei aller Skepsis gegenüber einem grundlegenden Systemwandel in Richtung Gesamtschule einen wesentlichen Aspekt nur schwer ignorieren: die den Schülern, Eltern und Lehrern abverlangte Entscheidung, bereits im Alter von zehn Jahren zu wissen, in welche Richtung die Bildungskarriere gehen soll. Das ist möglicherweise zu früh. Denn wer mit zehn Jahren nicht ins Gymnasium kommt, sondern in die Hauptschule – oder in die Neue Mittelschule, was, wie wir nun wissen, ohnehin dasselbe ist –, der wird es sehr schwer haben, zu einem höheren Bildungsabschluss zu kommen.

Wenn sich allerdings dieselben Personen – oder andere mit derselben Mentalität und demselben Geschick – der Gesamtschule annehmen, die sich der Neuen Mittelschule angenommen haben, dann gute Nacht!

Dann wird aus der gemeinsamen Schule erst recht ein Zweiklassenschulsystem. Und zwar eines, das kaum im Interesse der SPÖ sein kann: Dann werden jene, die es sich leisten können, ihre Kinder eben in die exklusiveren Gesamtschulen schicken. Schon jetzt ist der Trend in Richtung Privatschulen groß; er würde sich dann noch verstärken.

Zumal sich am Beispiel Deutschland ablesen lässt: Jene Bundesländer mit einem differenzierten Schulsystem weisen die besseren Bildungswerte als jene mit einem Gesamtschulsystem aus.

Sollte es je eine Gesamtschule geben, dann müsste diese exzellent vorbereitet sein: um die Guten zu fordern und die Schlechten zu fördern. Sonst kommt es tatsächlich zur befürchteten Nivellierung nach unten. Wie das geht, wurde soeben mit der Neuen Mittelschule vorexerziert.

E-Mails an: oliver.pink@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.03.2015)