„Du bist doch eh nur ein Lehrling“

Round Table. Unternehmen, die Lehrlinge nur als billige Arbeitskräfte statt als künftige Fachkräfte verstehen, dürfen sich nicht wundern, wenn sie nicht an die besten jungen Mitarbeiter kommen.

Gute Lehrlinge sind gefragt – nur wird es für Unternehmen zusehends schwieriger, sie zu finden. Denn einerseits sinkt das Niveau, andererseits steigen die Anforderungen an Lehrlinge in technischer und persönlicher Hinsicht. Von ihnen wird heute mehr verlangt als noch vor Jahren: In dem Punkt waren sich die Teilnehmer am „Presse“-Round-Table einig: Doris Palz, die mit Great Place to Work regelmäßig die besten Arbeitgeber für Lehrlinge auszeichnet, Ewald Lanzl (Klipp), Thomas Lendl (Eduscho), Denis Marinitsch (Attensam), Günter Rockenschaub (Zürich) und Peter Zeitler (WKÖ).

Letzte Zuflucht Lehre?
Mit der steigenden Akademisierung senken die höheren Schulen ständig ihre Zugangshürden, um trotz geburtenschwacher Jahrgänge bestehen zu können. Eltern sehen daher die Lehre nur als letzte Zuflucht für Kinder, die sich in der Schule überfordert fühlen. Die Lehre wirkt unattraktiv, zugleich beklagen viele Branchen den Facharbeitermangel. Wie also lässt sich das Image verbessern?

  • Türen öffnen: Wer eine Lehre absolviert, ist nicht einzementiert. „Sie ist ein Türöffner für weitere Ausbildungen“, sagt Denis Marinitsch. Lehrlinge bringen praktische Erfahrung mit und wissen, was es bedeutet, im Berufsleben zu stehen. Zudem lockt Talentierte und Lernwillige die Lehre mit Matura.

  • Potenziale erkennen: Die Vorentscheidung fällt schon mit zehn Jahren bei der Schulwahl bzw. mit 15 Jahren. Daher sei es wichtig, mit Potenzialanalysen genau hinzuschauen, ob eine höhere Schulbildung oder eben eine handwerkliche oder kaufmännische Lehre besser passe, sagt Peter Zeitler.

  • Informieren: Die Lehrberufe sind gefordert, sich besser zu präsentieren. Bei 420 verschiedenen Angeboten sei es schwer, einen Überblick zu gewinnen, sagte Doris Palz. Angebote wie Berufsinformationsmessen (in Wien findet noch bis 8. März die BeSt3 statt) sind daher besonders wertvoll. Außerdem, sagt Günter Rockenschaub, sollten die Unternehmen noch stärker Schnuppertage anbieten und mit Schulen kooperieren: „Ein Workshop reicht meist nicht aus. Wer im Sommer Lehrlinge einstellen will, muss im Herbst aktiv werden.“ Dabei empfiehlt es sich, Lehrlinge als Botschafter einzusetzen, die authentischer als jeder Personaler erzählen und begeistern können.

  • Wertschätzen: Das Imageproblem sei vielfach hausgemacht, sagt Thomas Lendl, und hänge mit der Unternehmensphilosophie zusammen: Besonders in personalintensiven Branchen würden Lehrlinge als billige Arbeitskräfte gesehen, die helfen sollen, Kosten zu senken. Wer 300 Lehrlinge pro Jahr rekrutiere, werde Mühe haben, die inhaltliche Qualität der Ausbildung sicherzustellen. Das positive Image würden hingegen jene Unternehmen fördern, die Lehrlinge ausbilden, um Fachkräfte und künftige Führungskräfte heranzuziehen.

  • Begeistern: Die Lehre wird nur dann langfristig an positivem Image gewinnen, wenn eines gelingt: die Lehrlinge rasch in den Regelbetrieb und als vollwertige Mitarbeiter zu integrieren. Nie darf das Gefühl aufkommen: „Du bist doch eh nur ein Lehrling.“

  • Gut starten: „Entscheidend“, sagt Ewald Lanzl, „ist der erste Tag.“ Gerade zu Beginn gebe es viele Unsicherheiten – dabei sollten sich Lehrlinge wie zu Hause fühlen. Wichtig sei: Freude an der Arbeit vermitteln, den Einsatzort wie die Ausbildner, die im Idealfall selbst Kinder haben, sorgfältig auswählen. Denn Lehre bedeute Erziehungsarbeit.

Zu den Personen


Schließlich ist die Lehrlingsausbildung mit Kosten verbunden – in welcher Höhe, da wollte sich beim Round Table niemand festlegen: Lehrlinge rechnen sich vom ersten Tag an, wenn es sich um eine zielgerichtete Anstellung handelt: in jenen Unternehmensbereichen, die demnächst Nachwuchs brauchen. Berechnungen zeigen, dass sich?– abhängig von der Branche?– die Produktivität im dritten Lehrjahr einstellt.

Erfolgsgeschichten erzählen
Was sich die Runde für die Zukunft erhofft, liegt auf der Hand: Dass sich das Image der Lehre verbessert und dass Erfolgsgeschichten Nachahmer einladen, eine Lehre zu absolvieren.

Was sich in kommenden Jahren aber zeigen könnte, ist eine Spaltung: Branchen, die Lehrlinge ausbilden, werden auch künftig Lehrlinge anziehen. Andere, die sich nicht um Nachwuchs bemühen, werden nur geringe Chancen haben, an die guten Lehrlinge zu kommen. Und das, sagt Ewald Lanzl, wäre eine Spirale nach unten – die niemand haben möchte.

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Am Round Table zum Thema Lehrlinge nahmen teil (im Bild von links nach rechts): Peter Zeitler (Referent für Bildungspolitik, Wirtschaftskammer Österreich), Denis Marinitsch (Personal- und Organisationsentwicklung, Hausbetreuung Attensam), Thomas Lendl (Leiter HR, Eduscho Austria), Günter Rockenschaub (Head of HR, Zürich Versicherung), Doris Palz (Geschäftsführerin, Great Place to Work) und Ewald Lanzl (Geschäftsfüher, Klipp Frisör).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.03.2015)

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