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Embryos, in Rexgläser gepackt

Ausgedörrte Leichen liegen wie Staubhaufen herum. Valerie Fritschs Endzeitvision inszeniert den Untergang mit Bildern aus der europäischen Mythenwelt und der afrikanischen Wirklichkeit. „Winters Garten“: ein fremdartiger Roman, der von Beginn an in seinen Bann schlägt.

Ein Weltuntergangsszenario wie von Lars von Trier, getränkt in Musik von Joy Divison. „Love will tear us apart“, dringt es an sein Ohr, wenn Anton Winter in der Früh das Radio aufdreht. Die Hauptfigur aus Valerie Fritschs Roman hat eine tolle Aussicht auf die Stadt, denn Winter hat sich in einem Glaskubus eingerichtet, der auf eines der Hochhäuser gesetzt ist. In Graz, woher die 25-jährige Autorin stammt, gibt es vor dem Hauptbahnhof ein mögliches Vorbild für diese ungewöhnliche Wohnung. Auf dem Flachdach eines Hotels thront da seit einiger Zeit ein nach allen Seiten hin offener Glasaufsatz, in den die Klientel sich einmieten kann.

Sonst sind die topografischen Bezüge jener Weltuntergangsmetropole, die die Autorin beschreibt, bewusst diffus gesetzt. Davon, dass es in der Stadt Plattenbauten und einen Hafen gibt, ist die Rede, und davon, dass in ihr eine von oben verordnete „Chancengleichheit“ jegliche Individualität zerstört hat. Auch das Schicksal ist in dieser Welt kollektiviert worden. Es betrifft nicht mehr den Einzelnen, sondern nur noch die Allgemeinheit. In seinem Himmelskobel züchtet Anton Winter exotische Vögel, die vom Aussterben bedroht sind. „Den Quecksilberschreien“ der blauen Fasane, die in der Heimat der Tiere das Wetter vorausgesagt haben, fehlt in der fremden Umgebung jegliche Bedeutung. Unten in der Stadt spielen Kinder Krieg, und die Versorgung mit dem Lebensnotwendigen kommt langsam zum völligen Erliegen. Gruppen von Verliebten oder Selbstmördern ziehen durch die Straßen. Am Hafen feiern sie entweder gemeinsam Hochzeit, oder sie bringen sich gemeinsam um. Ausgedörrte Leichen liegen wie Staubhaufen herum. Ein Phönix, der sich daraus erheben wollte, müsste unvorstellbar groß sein.

Valerie Fritsch wirft ihr Endzeitszenario in wenigen Sätzen hin und spürt ihm dann, ohne die eigentliche Ursache für den unmittelbar bevorstehenden Weltuntergang zu nennen, in vielen Details nach. Dabei beginnt der Roman wie eine Idylle, nämlich mit der Beschreibung eines paradiesisch anmutenden Gartens, in dem die Hauptfigur ihre Kindheit verbracht hat. Ein Kollektiv von Aussteigern fand dort vor langer Zeit Frieden mit sich. Der Vater von Anton Winter war ein Geigenbauer mit großen Händen und auch die Großmutter des Buben wie aus einem Bilderbuch des selbstversorgten Lebens. Ungeheuerlich nur: Ihre Fehlgeburten packte sie, weil sie sich von ihnen nicht trennen konnte, in große Marmeladengläser und verwahrte sie zum Schrecken des Kindes in der Speisekammer auf.

Ovids Beschreibung des Goldenen Zeitalters mag speziell für den sprachlichen Duktus der Eingangssequenzen von Valerie Fritschs Buch – die berühmte antike Geschichte von den vier Weltaltern –, dann aber für den gesamten Fortgang Pate gestanden haben. „Winters Garten“ ist ein streng rhythmisierter Text, der die Leserschaft von Beginn an in seinen Bann schlägt. Die mythische Folie, auf die er baut, ist das Lebenselixier des Romans. Auch die dafür notwendige literarische Stimmlage, nämlich das Pathos, beherrscht die Autorin überraschend gut. Nur an sehr wenigen Stellen bricht der hohe Ton in sich zusammen, wobei nicht ganz auszunehmen ist, ob das Buch, um überzeugend zu sein, nicht genau diese „Wackelkontakte“ zu der in ihm entworfenen Wirklichkeit braucht. Einen „Wackelkontakt zur Wirklichkeit“ unterstellt die Autorin auch ihrer Hauptfigur.

Wesentlich ist, dass in „Winters Garten“ auch noch ein anderer, nämlich außereuropäischer Erfahrungshorizont steckt. Als Fotografin ist Fritsch mit kritisch-ethnografischem Blick lange Zeit durch Nigeria, Benin, Togo und Ghana gereist. Von den Bildern, die sie in ihrem Voodoo-Land gesehen hatte, berichtete sie in literarischen Reportagen. Vieles davon steckt, ohne explizit gemacht worden zu sein, in „Winters Garten“. Den Tieren, die in dem Roman eine so bedeutsame Rolle spielen, merkt man das unmittelbar an. In der Stadt, die Fritsch beschreibt, sind die Dirnen, die sich an die Matrosen heranmachen, bunt wie Papageien. Rudel von Straßenhunden und Hafenkatzen drücken sich mit blutigen Zähnen und traurigen Augen durch die Gassen. Zirkustiere laufen, mager und schreckhaft, frei herum. Die Haut der Elefanten ist genauso grau wie die Haut der Menschen. An Wäscheleinen hängen Horden dürrer Affen. Einer Giraffe, die an einer Wand lehnt, wächst der Hals wie eine Leiter aus dem verwesenden Leib.

Wie im Voodoo stehen im Buch von Fritsch Menschen und Tiere, ob tot oder lebendig, in engstem Kontakt. Dabei lässt die Autorin offen, ob die Verrenkungen und Überlappungen der Lebewesen aus einer europäischen Tradition (eine Giraffe wie von Dalí) oder aus einer bis heute gelebten afrikanischen Symbolwelt kommen. Gerade diese Undefiniertheit macht die Unheimlichkeit von „Winters Garten“ aus. Dieses Buch inszeniert einen europäischen Weltuntergang mit Bildern, die gleichzeitig aus Europas Mythenwelt und der afrikanischen Wirklichkeit stammen.

Es ist ein mutiger und außergewöhnlich eigenständiger literarischer Weg, den Valerie Fritsch eingeschlagen hat. Links und rechts des schmalen Grats, auf dem sie sich so sicher bewegt, als würde sie schon ganz lang schreiben, setzt sie Referenzen an die Größen der heimischen Literatur. An einer Stelle sitzt ein „Pilznarr“ am Wegesrand und grüßt die Vorbeigehenden, während er – doch tatsächlich – in einen Fliegenpilz beißt. An einer anderen Stelle kommt Ludwig Wittgensteins Bruder ins Spiel, womit neben Peter Handke auch indirekt noch Thomas Bernhard bedacht ist. Grüße zwei an Kollegen im Suhrkamp-Verlag also, die in dieser Form mit großer Wahrscheinlichkeit überflüssig sind.

Während „links und rechts die Welt vergeht“ (Konrad Bayer), stellt sich von „Winters Garten“ heraus, dass dieser Roman auch noch etwas anderes ist, nämlich eine Liebesgeschichte. Im Krankenhaus der Stadt lernt Anton Winter die Liebe seines restlichen Lebens kennen. Friederike, eine ausgemergelte Gestalt, geht mit ihm in den Garten der Kindheit zurück. Begleitet werden die beiden von einer gewissen Marta, die gerade ein Kind geboren hat. Wie durch ein Wunder ist ausgerechnet Leander, der lang verschollene Bruder von Anton Winter, der Vater des Kindes. Auch er schließt sich der Reisegruppe an.

Obwohl im Garten nichts wie früher ist, kann man sich den Schluss des Buches, wenn man unbedingt will, auch positiv hinbiegen. Gegenüber den starken und eindringlichen Bildern, die Fritsch über 160 Seiten hinweg entworfen hat, richtet das nichts mehr aus. Die Fremdartigkeit, die man auf einer Reise erlebt hat, so schreibt die Autorin in einer ihrer Reisereportagen, erfährt man erst aus den Gesichtern der anderen, wenn man zurückkommt. Dies gilt auch für „Winters Garten“: Ob der Fremdartigkeit und des Glanzes dieses Textes wird man große Augen machen. ■

Valerie Fritsch

Winters Garten

Roman. 154 S., geb., €17,50 (Suhrkamp Verlag, Berlin)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.03.2015)