Sind wir ganz alleine?

1977 staunte ein Astrophysiker über ein Radiosignal, das aus der Richtung des Sternbilds des Schützen gekommen – und vielleicht der erste Hinweis auf außerirdische Intelligenz war. Es ging als „Wow-Moment“ in die Geschichte ein.
1977 staunte ein Astrophysiker über ein Radiosignal, das aus der Richtung des Sternbilds des Schützen gekommen – und vielleicht der erste Hinweis auf außerirdische Intelligenz war. Es ging als „Wow-Moment“ in die Geschichte ein. (c) Ohio State University Radio Observatory
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Die Suche nach außerirdischem Leben wird intensiviert: Radiobotschaften sollen ins All gehen, Exoplaneten mit noch feineren Finessen analysiert werden.

Wow!, staunte Astrophysiker Jerry Ehman am 15. August 1977, als ihm am Radioteleskop Big Ear der Ohio State University ein Signal aus der Richtung des Sternbilds des Schützen vor Augen kam. Es sah so aus, als habe es keine natürliche Ursache, sondern sei der erste Hinweis auf außerirdische Intelligenz. Was es war, ist bis heute nicht geklärt, fest steht nur, dass der erste Hinweis auch der letzte war, sieht man von Verschwörungstheorien ab: Allen technischen Verfeinerungen zum Trotz haben die immer größeren Ohren von SETI – Search for Extraterrestrial Intelligence – bis heute nichts erlauscht.

Entweder gibt es also in den Weiten des Alls keine Zivilisationen auf vergleichbarem Stand. Oder sie haben kein Interesse daran, auf sich aufmerksam zu machen und/oder das All zu vermüllen. Oder warten sie darauf, dass andere den ersten Schritt tun? Seit Jahren wird gestritten, ob man vom Lauschen auf Senden umstellen soll – METI, „M“ wie Messaging –, nun kocht es wieder hoch. Douglas Vakoch (SETI) hat mit Pro eröffnet, David Brin, Astrophysiker und Science-Fiction-Autor, gibt Kontra, er will keine Weltallverschmutzung.

In der letzten Runde warnte Stephen Hawking zudem vor dem Wecken schlafender Hunde: Man wisse aus eigener Erfahrung, was intelligente Wesen anrichten, wenn sie auf technisch Unterlegene stoßen: Kolumbus! An den bzw. den Kolonialismus dachte auch H.G. Wells, als er 1902 im „Krieg der Welten“ eine Invasion vom Mars imaginierte, echten Schrecken verbreitete die als Hörspiel, mit dem Orson Welles 1938 in den USA Panik auslöste.

Die war vom aufziehenden Weltkrieg grundiert und von der Furcht vor dem Kommunismus, früher hatte man ganz anders zum Himmel geblickt, voll Neugier: „Mit einem Zusammenschluss von 100Spiegeln, jeder mit einer Fläche von zwei Quadratmeter, ließe sich gutes heliotropes Licht zum Mond schicken.“ So wollte Carl Friedrich Gauß die Menschheit präsentieren, und er ersann gleich noch ein Kollektiv-Selfie: Man möge in Sibirien riesige Wälder roden und die Flächen so bepflanzen – mit Rüben –, dass auch aus großer Entfernung der Satz des Pythagoras sichtbar wäre.

Mit derartigen Ideen blieb der deutsche Mathematiker nicht allein, der österreichische Astronom Joseph Johann von Littrow folgte – man möge in der Sahara künstliche Ölseen in Brand stecken, die seien noch vom Mars zu sehen –, andere folgten, es scheiterte stets am Geld. Radiowellen sind wohlfeil, 2008 schickte ein Tortilla-Hersteller Werbung ins All, 2012 gingen zum 35-jährigen „Wow“-Jubiläum 10.000 Twittergrüße dorthin, wo das Signal hergekommen war, zum Sternbild des Schützen.


Habitabel? Antworten blieben aus, Tortilla-Bestellungen auch. Lebt trotzdem irgendwo etwas, etwas Intelligentes gar? „Wenn wir in der Milchstraße mit ihren 250Milliarden Sternen die Zahl der möglichen technischen Zivilisationen abschätzen, kommen wir auf eine Million“, erklärte Astronom und Seti-Mitinitiator Carl Sagan 1978, fügte allerdings hinzu: „Such estimates are little better than guesses.“ Das liegt zunächst daran, dass Leben – in uns vorstellbarer Form – „habitable Zonen“ braucht, und deren gibt es zwei: Auf der einen Seite müssen die Bausteine da sein, die „Metalle“, das sind für Astrophysiker alle chemischen Elemente, die mehr Masse haben als Wasserstoff und Deuterium.

Sie werden in Sternen in Kernfusion erkocht und bei den finalen Explosionen, Supernovas, ins All geschleudert. Habitabel ist also nur, was nicht zu weit weg ist von einer Supernova. Zu nahe darf die aber auch nicht sein, ihre Strahlen sind tödlich. Habitabel ist im zweiten und engeren Sinn auch nur, was ein Muttergestirn hat – wie die Erde die Sonne –, und den rechten Abstand zu ihm: Es darf weder zu heiß sein für flüssiges Wasser noch zu kalt. Eine Garantie für Leben ist das natürlich nicht, das unsere ist vielfältig privilegiert, etwa mit Nachbarn: Jupiter fängt Asteroiden ab, der Mond stabilisiert die Erdrotation und damit die Klimazonen, der Mars hingegen torkelt vor sich hin.

Trotzdem war er der erste Kandidat, als die Suche nach extraterrestrischem Leben, ganz primitivem, im Ernst begann: als James Lovelock 1965 in Nature (207, S.568) skizzierte, auf welche chemischen Signaturen man sehen solle, biogene Kohlenwasserstoffe. Man fand bis heute nichts, außer mysteriösem Methan, das regional auftaucht und verschwindet, es ist wohl geogen. Das will für Leben anderswo nichts heißen: 1990 wurde der erste Exoplanet gesichtet, heute stehen 4826 auf der Liste, einer wie die Erde ist nicht dabei.

Und alle sind weit weg und nur indirekt beobachtbar, vor allem an winzigen Änderungen der Leuchtkraft ihrer Gestirne beim Vorbeiziehen der Planeten. Wie soll man die selbst erkunden? Man kann aus Abstrahlungen eines Himmelskörpers die chemische Komposition seiner Oberfläche und Atmosphäre lesen, mit Spektroskopen. Aber von Exoplaneten hat man keine Abstrahlungen, die kann man nur mühsam aus denen ihrer Gestirne herausrechnen: Wasser und Sauerstoff ließen sich so detektieren, schon Chlorophyll nur mit viel Mühe, zeigte David Spiegel (Princeton) gerade (Pnas 111, S.13278).

Aber es gibt andere Spuren ja auch: „Die ,kleinen grünen Männchen‘ sind nicht grün“, vermutet Henry Lin (Harvard) und will nach Umweltverschmutzung Ausschau halten, etwa nach Abgasschleiern, wie sie über der halben Erde hängen (Astrophysical Journal Letters 792). Auch die müsste man erst sichten, man weiß nicht, wie, deshalb setzt Jason Wright (Penns) anders an: Er mustert Exoplaneten auf potenzielle Abwärme technischer Prozesse durch – sie würden den Anteil des abgestrahlten Infrarot erhöhen, das kann man messen –, 50 Kandidaten hat er, es gibt allerdings auch andere Quellen für solches Infrarot (Astrophysical Journal, doi.org/t82). Ansonsten kann man nur warten, ob man Exoplaneten je direkt sichtet; die Nasa denkt über Sonden nach – die das Licht der Zentralgestirne abblenden –, denkt aber noch.

Also schlug Pilar Montañes-Rodriguez (Teneriffa) einen Umweg ein (arXiv, 7.2.): Sie betrachtete die Spektrallinien des Jupiters so, als wären sie die eines unbekannten Exoplaneten. Dann verglich sie diese mit den bekannten Jupiterdaten, so konnte sie die Spektroskopie eichen. Die Community würdigt das als Geniestreich und vergleicht es mit dem Stein von Rosette, der die Hieroglyphen lesbar gemacht hat. Wow!

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.03.2015)

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