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Franz Wohlfahrt: "Berufsnörgler nehme ich nicht ernst"

FOTOTERMIN FK AUSTRIA WIEN: WOHLFAHRT
APA/HERBERT PFARRHOFER
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Austria-Sportdirektor Franz Wohlfahrt über violette Ansprüche, Teambuildingmaßnahmen von gestern und heute, Berufsnörgler und das leidige Thema Freunderlwirtschaft.

Welchen Eindruck macht die Mannschaft derzeit auf Sie?
Wir versuchen den Fokus auf die positiven Dinge zu richten. Es ist nicht so, dass die Spieler ihre Köpfe hängen lassen. Wir würden jetzt auch nicht über diese unglaublichen Probleme sprechen, wenn wir in Graz in der 95. Minute nicht das irreguläre Tor zum 1:2 kassiert hätten. Deswegen bin ich auch nicht der Typ, der alles über Bord wirft, wenn wir wie momentan eine schlechte Phase durchlaufen. Ich bin aber auch nicht der Typ, der alle in den Himmel loben wird, wenn es gut läuft.

Wenn Sie sagen, Sie werfen in schlechten Phasen nicht alles über Bord: Würden Sie sich im Falle einer Derby-Niederlage noch immer zu Trainer Gerald Baumgartner bekennen?
Diese Frage brauche ich nicht zu beantworten, weil sie sich für mich momentan nicht stellt. Sie sind ja nicht der Erste, der nach dem Trainer fragt. Wir wissen, dass wir zu wenige Punkte haben, die Tabelle lügt nicht. Aber es bringt doch nichts, über Eventualitäten zu sprechen.

Vor dem Start in die Rückrunde haben Sie Platz zwei als Ziel ausgegeben, aktuell rangiert die Austria aber nur auf Rang sechs. Haben Sie den Kurs bereits korrigiert?
Es wird sehr sehr schwer, noch Zweiter zu werden. Zugegeben, wir wären nach 36 Runden mit einem internationalen Startplatz, sprich Platz vier, sehr glücklich. Aber meine Philosophie für die nächsten Jahre ist klar. Wir werden immer das höchstmögliche Ziel verfolgen.

Sie sprechen vom Titelgewinn. Ist dies nicht, auch angesichts der momentanen Situation, ein unrealistisches Vorhaben?
Warum? Wir haben die Infrastruktur, die Möglichkeiten, sind nicht der Neusiedler SC, der davon nicht sprechen kann. Austria Wien hat die Voraussetzungen, den Titel gewinnen zu können. Das ist unser klares Ziel für die nächste Saison. Meine Aufgabe ist es, alle in diesem Verein davon zu überzeugen. Da geht es überhaupt nicht um Geld, wovon es in Salzburg mehr gibt, sondern darum, alles für dieses Ziel zu unternehmen. Wenn wir davon reden, Vierter werden zu wollen, schaffen wir nicht einmal das.

Der Klub droht zum zweiten Mal in Folge einen internationalen Startplatz zu verpassen. Das würde den Arbeitsplatz Austria nachhaltig unattraktiver machen, Stichwort Verträge.
Bei jenen Spielern, die wir wirtschaftlich in der Lage sind zu verpflichten, gibt es keine großen Qualitätsunterschiede. Spieler, die in vier Saisonen 90 Tore geschossen haben, kommen sowieso nicht zu uns. Wir müssen es uns zur Aufgabe machen, Spieler zu entwickeln. Ein fertiger Stürmer wie Damari ist ein Glückstreffer, den du aus wirtschaftlichen Gründen auch schon nach sechs Monaten gehen lassen musst. Was mir in diesem Punkt wichtig ist: Es darf nie passieren, dass aufgrund des Abgangs eines Spielers eine ganze Mannschaft zusammenbricht.

Sie behaupten, Sie seien "verdammt gut vernetzt".
Ich bin kein FBI-Computer, aber ich habe ein sehr gutes Netzwerk, ja. Ich war 20 Jahre Profifußballer, habe viele Freunde gewonnen und Kontakte gepflegt. Viele von ihnen bekleiden wichtige Positionen bei Klubs in Europa. Das sollte so manchen Transfer leichter machen.

Sie haben betont, wie wichtig es Ihnen ist, dass die Mannschaft tatsächlich eine solche ist. Inwiefern?
Zu meiner Zeit ist die Mannschaft vor der Saison auf ein Getränk gegangen. Das hat dem Team als solchem geholfen, es zusammengeschweißt. Ein Narbekovas oder Ivanauskas waren nach vier Wochen integriert. Da hat es niemanden gebraucht, der gesagt hat, wir müssen über glühende Kohlen gehen oder ein Teambuilding im Kletterpark machen, um ein Team zu werden. Spieler sollen nicht nur auf dem Fußballplatz Zeit miteinander verbringen, sondern auch privat.

Ihre Bestellung wurde nicht nur von Applaus begleitet, durchaus auch kritisch beäugt. Wie gehen Sie mit Kritik um?
Ich nehme Kritik sehr ernst, wenn sie sachlich ist. Aber Berufsnörgler, welchen es nur um das Nörgeln und Schimpfen an sich geht, kann ich nicht ernst nehmen. Dass man den einen oder anderen Typen nicht mag, kommt vor. Das ist nur menschlich, ich bin ja auch nicht anders. Aber darüber braucht man sich nicht den Kopf zu zerbrechen, sonst wirst du narrisch.

Sie gelten als waschechter Austrianer, weshalb bei Ihrer Bestellung auch der Begriff Freunderlwirtschaft fiel. Wie stehen Sie zu diesem Thema?
Freunderlwirtschaft muss nicht negativ sein. Aber man muss klar differenzieren zwischen "jemandem vertrauen" und einer "Freunderlpartie". Ein Beispiel: Ich suche einen Angestellten für Videoanalysen und kenne in diesem Bereich jemanden seit 15 Jahren, weiß, dass er einen sehr guten Job macht. Dann gibt es jemand zweiten, den ich nicht kenne, der aber ebenfalls gute Qualifikationen mitbringt. Jetzt ist es doch naheliegend, dass ich mich eher für den mir bereits bekannten Kandidaten entscheide. Das ist für mich aber keine Freunderlwirtschaft.

Sie fürchten also keine schlechte Nachrede.
Warum sollte ich? Ich werde sicher niemanden installieren, nur weil ich ihn gut kenne oder derjenige mein Freund ist, er muss in erster Linie unser Anforderungsprofil zur Gänze erfüllen. Umgelegt auf meine Person und der Bestellung zum Sportdirektor: Ein paar meiner Mitkonkurrenten kenne und schätze ich. Aber ich weiß, dass ich mich mit meinen Qualifikationen nicht zu verstecken brauche. Diese Vergleiche halte ich.

Sie waren zuletzt beim ÖFB als Torwarttrainer engagiert. Was haben Sie von Teamchef Marcel Koller gelernt?
Dass es richtig ist, sich nicht gleich bei jedem Gegenwind zu verdrehen und an seinem Stamm und Ideen festzuhalten. Koller ist immer authentisch gewesen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.03.2015)