Oper: „Salzburg ist nicht mehr einmalig!“

(c) Die Prese (Teresa Zötl)
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Bernd Loebe, Intendant der Frankfurter Oper, will derzeit nicht Festspielintendant werden. In Salzburg reden zu viele Damen und Herren mit, sagt er.

Die Presse: Die Salzburger Festspiele suchen einen Intendanten. Interessieren Sie sich?

Bernd Loebe: Ich werde immer wieder genannt, wenn eine Position frei ist. Natürlich wäre diese Arbeit zu gegebener Zeit eine faszinierende Herausforderung, aber ich fühle mich momentan der Stadt Frankfurt verpflichtet. Es hat sich ein Verhältnis von Treue und Zuverlässigkeit entwickelt. Da müsste ich zu Festspielen oder einem verantwortlichen Politiker schon ein sehr großes Vertrauen entwickeln, um von meinem jetzigen Posten zu lassen.

Fahren Sie öfter nach Salzburg? Wie steht es um die Einmaligkeit des Festivals?

Loebe: Ich war in früheren Jahren sehr häufig in Salzburg. In den letzten Jahren auch konstant, aber nicht mehr so oft. Es mag überheblich klingen, bzw. nehmen Sie es als Ausdruck gesunden Selbstbewusstseins: Wenn Sie den Frankfurter Spielplan mit dem Opernangebot der Salzburger Festspiele vergleichen, dann kommt Ähnliches heraus. Christof Loy, der in Salzburg inszeniert, hat in Frankfurt acht Produktionen gemacht. Claus Guth, der in Salzburg engagiert ist, macht nächste Spielzeit in Frankfurt seine dritte, 2012 seine vierte Inszenierung. Für Sänger, Dirigenten gilt Ähnliches. Also ich glaube, dass Salzburg in den letzten Jahrzehnten den Anspruch auf Unvertauschbarkeit verloren hat. Die Salzburger Festspiele sind ein großes, kommerziell touristisches Unternehmen. Aus der Perspektive des Landes und der Wirtschaft ist das durchaus nachvollziehbar. Aber der Festspiel-Gedanke ist doch etwas anderes. Salzburg müsste etwas leisten, was es in dieser Dichte und Qualität eben nur in Salzburg gibt.

Was würden Sie denn vorschlagen?

Loebe: Ich plaudere hier nicht meine Geheimtipps aus. Gerard Mortier ist ja bis heute eine unliebsame Figur. Aber ich denke schon, dass Salzburg einen Kopf braucht, der den Rücken frei hat, um eine Vision umzusetzen. Idealerweise sollte er sich nicht auf eine Sparte, Musiktheater, beschränken, sondern rote Fäden knüpfen quer durch Oper, Konzerte, Schauspiel, alle Sparten.

Gibt es zu viele Einflussnehmer in Salzburg?

Loebe: Ich finde schon, dass da zu viele Damen und Herren mitreden. Ich bin nur ein Betrachter von außen. Ich finde, man sollte einem Menschen einen Vertrauensvorschuss für fünf oder zehn Jahre geben. Und die Politik müsste diesem Mann den Rücken stärken. Das kann dann bedeuten, dass man bewusst sagt, ich führe auch Sänger, Regisseure und Dirigenten heran, die vielleicht erst in zehn Jahren große Stars sind. Für derartige Veranstaltungen könnte man dann mit den Preisen runtergehen, sodass auch ein anderes Publikum nach Salzburg kommt und nicht nur jene, die am Fuschlsee und im Salzkammergut sitzen und mit ihrem Vermögen prahlen.

Eine wichtige Größe in Salzburg sind die Wiener Philharmoniker.

Loebe: Auch das beste Orchester der Welt sollte bereit sein, sich von einem interessanten Chef führen zu lassen. Wenn ich an den letzten Sommer denke, so stimmt es doch bedenklich, dass die beste Orchesterleistung vom Cleveland Orchester unter Franz Welser-Möst bei „Rusalka“ erbracht wurde, also von keinem Opernorchester, sondern einem symphonischen Klangkörper. Die Philharmoniker sind eben nicht automatisch das beste Orchester der Welt. Sie müssten in die Situation gebracht werden, dass sie zum Beispiel mehr Proben ansetzen bzw. finanziert bekommen oder auf die ein oder andere Rotation verzichten. Aber: Es ist vielleicht nicht populär, solche Dinge zu sagen.

Die Frankfurter Oper zeigt viele moderne Aufführungen. Gibt es da noch hin und wieder Aufregung, protestiert das Publikum?

Loebe: Nachdem in den Achtziger- und Neunzigerjahren manchmal über das Ziel hinausgeschossen wurde, hat sich das jetzt ein bisschen eingependelt. Traditionell, konservativ oder avantgardistisch, neu, aktualisiert, diese Diskussion gibt es weniger. Das Publikum, das regelmäßig in die Oper geht, nicht nur in Frankfurt, ist inzwischen so weit gebildet, dass es einfach zwischen gutem und schlechtem Theater unterscheidet. Ich sehe das als positive Entwicklung.

Die statische Diva ist verschwunden. Die meisten Sänger müssen auch spielen können – und entsprechend der Rolle gut aussehen.

Loebe: Wir verfügen inzwischen über einen großen Fundus von guten Sänger-Darstellern, die arbeiten wollen, sehr gut vorbereitet und diszipliniert sind – und auch den ein oder anderen mittelmäßigen Regisseur ertragen. Sie können es sich gar nicht leisten, auf Diva oder Tenor-Star zu machen, weil es im gehobenen Mittelfeld sehr gute Alternativen gibt. Der Starkult, diese extreme Begeisterung, kann schnell ins Gegenteil umschlagen. Man sieht das an der Person von Rolando Villazón. Die Sänger sollten sich selbst in die Pflicht nehmen. Karrieren, die sehr schnell kommerzialisiert werden, sind gefährdet. Sänger müssen psychisch stabil sein, brauchen auch verantwortungsvolle Agenten – und sollten nicht von zehn Angeboten neun, sondern nur zwei annehmen.

Aber Villazón singt ja wieder.

Loebe: Er bemüht sich, Anschluss zu finden, aber die Stimme ist nicht mehr die, die sie einmal war. Jeder Sänger muss seine Kräfte richtig einschätzen, wenn er nicht nur fünf oder zehn, sondern 20 oder 25 Jahre lang singen will. Es gibt ja auch verschleißende Komponisten wie etwa Wagner. Man muss sich eben sagen, ich singe nicht eine Isolde oder Elektra nach der anderen, sondern solche Partien nur einmal im Jahr.

Wie geht es der Frankfurter Oper, die ja früher eher krisenhaft war und jetzt allenthalben gefeiert wird. Wie machen Sie das? Und sparen noch elf Millionen Euro ein in wenigen Jahren!

Loebe: Es ist momentan schick, sich zur Frankfurter Oper zu bekennen. Davon profitieren wir, aber es war viel Arbeit, dahin zu kommen. Wir kommen gut aus mit dem Geld, obwohl wir mit 37 Millionen Euro künstlerischem Etat deutlich weniger haben als die großen Häuser in Berlin, Hamburg oder München. Wir haben Sponsoren und 80Prozent Auslastung. Die Politiker in Frankfurt genießen es, dass sozusagen konstruktive Ruhe in der Oper herrscht, wir in den Feuilletons der wichtigen Zeitungen stehen, auch international, und mehrere Preise eingeheimst haben. Für Politiker ist das wichtig. Dann stehen sie auch zu einem.

OPERNHAUS & FÜHRUNG

Der gebürtige Frankfurter Bernd Loebe (56) ist Jurist und spielt Klavier. Er arbeitete als Journalist und Kritiker (Radio, FAZ). Elf Jahre war er künstlerischer Direktor der Brüsseler Oper. 2002 übernahm er die Intendanz der Frankfurter Oper (1367 Sitzplätze). Generalmusikdirektor ist Sebastian Weigle (47). Loebes Vertrag läuft bis 2013. [Teresa Zötl]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.04.2009)

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