Österreichs Eishockey muss sich die Sinnfrage stellen

(c) GEPA (Wolfgang Jannach)
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Der Wiener Chris Harand schoss KAC zwar zum 29. Titel, aber Legionäre dominieren die heimische Liga. Im Eishockey herrscht rot-weiß-roter Stillstand.

KLAGENFURT/WIEN. Es war ein rührender Anblick. Die Brüder Chris und Patrick Harand standen eng umschlungen auf dem Eis der Klagenfurter Eishalle. Beide weinten, beide lachten, dabei konnte sich in Wahrheit an diesem Abend nur Chris freuen, hatte er doch den KAC mit seinem Tor zum 2:1-Sieg über Salzburg zum 29. Eishockey-Meistertitel verholfen.

In einer von Legionären und ligainternen Streitereien dominierten sowie vom Innsbrucker Rückzug überschatteten Saison setzte also ein Österreicher den Schlusspunkt. Der Wiener Chris Harand (27) strahlte, er war an diesem Abend der Held. Dass aber just er beim KAC keinen neuen Vertrag mehr erhalten soll, ging im Rummel der Meisterfeier beinahe unter. Es dokumentiert aber die von Eishockeyklubs seit Jahren praktizierte, äußerst schnelllebige Personalpolitik.

Im Fachjargon nennt man es „Hire and fire“, und darin ist Österreich Spitze. Legionäre (zu Saisonstart 62) kommen, werden entweder bereits mitten in der Saison (13) ausgetauscht oder gehen zu Saisonende ohnehin wieder ihre Wege. Zurück bleiben zumeist Dressen von Cracks, an die sich in zwei Wochen keiner mehr erinnert oder erinnern will.

Kanadier nicht zu schlagen

Während sich die Harand-Brüder um ihre Zukunft keine Sorgen machen müssen, beide dürften nächste Saison bei den Graz 99ers spielen, muss sich Österreichs Eishockey einmal mehr der Sinnfrage stellen. Der Blick auf die Statistik zeigt, dass kein Österreicher eine der Scorer-Wertungen (siehe Profil) gewinnen konnte. Stets setzte sich ein Kanadier in Szene, sogar in der „Bösen-Buben-Liste“, die den Spieler mit den meisten Strafminuten auszeichnet, hinkt Österreich hinterher. Der logische Rückschluss: Vorwiegend Legionäre setzen weiterhin Akzente beim Spielaufbau (Assists), beim Torschuss und der Abwehr (Tor und Verteidigung). Die Erkenntnis ist nicht neu, dokumentiert aber auf den wichtigen Positionen einen rot-weiß-roten Stillstand.

So mancher Ligaklub hält sich angesichts dessen mit Argumenten wie Show und Qualität schadlos. Teamchef Lars Bergström gerät hingegen angesichts dieser Fakten durchaus in Bedrängnis. Denn Österreichs Erfolgsbilanz nimmt sich im internationalen Vergleich eher bescheiden aus. Der Wiederaufstieg in die A-Gruppe wurde im Vorjahr in Innsbruck zwar geschafft, der Verbleib in diesem elitären Kreis von 16 Nationen aber ist schwerer denn je. In den Gruppenspielen bei dem WM-Turnier in Bern warten ab 25. April schließlich wahre Größen der Puck-Zunft wie Schweden, USA und Lettland.

Dass die Hoffnungen auf den Klassenerhalt mit der Teilnahme der NHL-Spieler Thomas Vanek (Buffalo) und Thomas Pöck (NY Islanders) steigen, ist klar. Ohne die Überseespieler wird es schwierig, und die A-WM in der Schweiz könnte daher ebenso mit einer bösen Überraschung enden wie die verpasste Qualifikation für die Olympischen Spiele in Vancouver.

Die Testspiele in Innsbruck gegen Russland (Mittwoch 19.15 Uhr/Freitag 20.30 Uhr) kommen Bergström gerade recht. Wer gegen den Titelverteidiger testen darf, „kann viel lernen“ und sich an das weitaus höhere Tempo gewöhnen, sagt der Schwede.

Traum der Champions League

Eine höhere Schlagzahl will nun auch Rekordmeister KAC an den Tag legen. Im September, pünktlich zum 100-Jahr-Jubiläum des Vereins, soll der Spatenstich der neuen, in Österreich einzigartigen Eishalle erfolgen. Trotz aller Feierlichkeiten gibt es Überlegungen, so Manager Patrick Pilloni, wie und ob der Klub überhaupt an der im Vorjahr neu gegründeten Champions League teilnehmen wird. Pilloni: „Wir müssten uns dafür in einem Turnier Mitte September qualifizieren und die gesamte Vorbereitung darauf ausrichten. Es soll finanziell zwar lukrativ sein, wir müssen uns das aber erst alles genau anschauen.“

Der Ligabetrieb soll trotz Innsbrucks Rückzug auch in der kommenden Saison aus zehn Vereinen bestehen, mit Zagreb steht bereits ein Anwärter bereit. Trotz aller Attraktivität – 1888 Tore in 310 Spielen vor insgesamt 907.740 Zuschauern – bleibt Eishockey in Österreichs Liga jedoch ein sehr teures Vergnügen. Jahresbudgets von über drei Millionen Euro verlangen nur eines: Erfolg. Patriotismus allein schießt keine Tore, das akzeptieren sogar die KAC-Fans. Sie beschertem dem Meister mit 155.000 verkauften Karten in dieser Saison einen weiteren Rekord.

AUF EINEN BLICK

Statistik der Saison '08/'09
Punkteliste: 1. Patrick Lebeau (KAN; Vienna Capitals), 87 Punkte (33 Tore/54 Assists in 57 Spielen)
Plus-Minus-Wertung: 1. Kirk Furey (KAN; KAC), 29 (69 Spiele)
Torschützenliste: 1. Mike Craig (KAN; KAC) und Lebeau, 33
Assists: 1. Andrew Schneider (KAN; KAC), 61
Bester Torhüter: 1. Travis Scott (KAN; KAC), 93,51% in 32 Spielen
Böse Buben: 1. Benoit Gratton (KAN; Vienna), 186 Strafminuten

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.04.2009)

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