Angesichts der Bandbreite der Herausforderungen hält ESMA-Chef Steven Maijoor fest: "Es gibt keinen Menschen, der die Komplexität des gesamten Finanzmarkts versteht."
Wien. Die Europäische Wertpapieraufsicht ESMA hat ein breites Betätigungsfeld mit sehr komplexen Themen. Angesichts der Bandbreite der Herausforderungen hielt ESMA-Chef Steven Maijoor diese Woche in Wien nüchtern fest: "Es gibt keinen Menschen, der die Komplexität des gesamten Finanzmarkts versteht." Niemand könne garantieren, dass es zu keinen Unfällen kommt.
Für die erst 2011 nach der Finanzkrise in Paris gegründete ESMA beginnt die Herausforderung zwar mit gemeinsamen Regeln für den Wertpapierhandel. Erfüllt ist ihre Aufgabe aber erst, wenn die Aufsicht überall nach den gleichen Maßstäben prüft, denn "wenn die Regeln unterschiedlich überwacht werden, gibt es keinen gemeinsamen Markt", so Maijoor.
Der neue EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker hat eine "Kapitalmarktunion" für die EU gefordert. Derzeit werden dafür Ideen gesammelt, bis 2019 - dem Ende der aktuellen Arbeitsperiode der EU-Kommission - soll sie verwirklicht sein. Nicht eine Zentralisierung sondern die Integration der Kapitalmärkte ist dabei das Ziel. In Europa, wo sich Unternehmen noch vor allem über Banken finanzieren, solle der Kapitalmarkt eine stärkere Rolle bekommen. Beispiel sind die USA.
Fonds im Fokus
Ein weiteres Großprojekt der Aufsicht ist die Überarbeitung der Finanzmarktrichtlinie MiFID. "MiFID II" soll noch heuer stehen, damit die Finanzmärkte dann bis 2017 Zeit haben, sich zu adaptieren. Unter anderem wird die Bezahlung von Finanzberatern neu geregelt.
Die ESMA hat auch Fonds im Auge, die nur passiv den Index handeln, aber ihren Kunden vorgaukeln, dass sie die Veranlagungen aktiv verwalten. Der Unterschied liegt vor allem im Preis, den die Fonds dafür verrechnen. "Wir schauen uns das an, aber wir brauchen harte Fakten", so Maijoor.
Eine weitere Baustelle ist der Hochfrequenzhandel, über den bereits 30 bis 40 Prozent der Börsentransaktionen laufen. Dabei handeln Computer auf Basis vorher programmierter Schwellenwerte innerhalb von Sekundenbruchteilen, was manchmal zu massiven Ausschlägen der Börse führen kann. Verboten soll dieser Handel nicht werden, wohl aber reguliert. In den USA entstehe dadurch aber mehr Schaden als in Europa, schränkte Maijoor ein.
Dafür ist ESMA vorerst bei der Finanztransaktionssteuer auf Wertpapiergeschäfte, die elf EU-Staaten einführen wollen, nicht mit im Boot. Denn sie kann nur auf Basis von Entscheidungen des EU-Ministerrates und des EU-Parlaments aktiv werden - also wenn alle 28 EU-Staaten gemeinsam eine Entscheidung treffen, sagt Maijoor.
Auf Nachfragen von Journalisten stellte Maijoor auch klar, dass die ESMA keine Pläne hat, eine eigene Ratingagentur aufzubauen. Das sei nicht das Geschäft der Wertpapieraufsicht. Immerhin gebe es mehr als 20 Ratingagenturen in Europa, darunter auch die Große Agentur Fitch mit ihrer europäischen Basis. Im Übrigen würde auch eine Regierungsfinanzierung für eine Ratingagentur ein Problem mit ihrer Unabhängigkeit schaffen. Bei jeder Eigentümerstruktur drohe ein Interessenkonflikt, so Maijoor. Selbst wenn, wie in einzelnen Fällen, die Investoren für das Rating zahlen, gebe es das Interesse, dass das Rating nicht schlecht ausfällt.
(apa)