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Die ehemalige Kulturnation muss sich genieren

Geben wir nach kultureller Bildung auch die Hochkultur preis, verliert das Land seine Unverwechselbarkeit.

Der interimistische Leiter der Bundestheater-Holding muss an die Öffentlichkeit gehen, um die unhaltbare finanzielle Situation der staatlichen Opernhäuser und des Burgtheaters bekannt zu machen. Man stelle sich dieses Szenarium bei Bundeskanzlern in den Sechziger- oder Siebzigerjahren vor!

Ein politisches Gewissen in Sachen Kultur existiert nicht mehr. Nur die Grünen melden sich zu Wort. Nicht etwa, um die dringend nötige Re-Positionierung der Volksoper im Konzert der drei Wiener Opernhäuser zu diskutieren, sondern weil sie in ihrer bekannten Nivellierungs-Tendenz ganz allgemein gegen Subventionserhöhungen für große Theater sind. Die Museen werden in die Attacke gleich einbezogen. Da weht der Zeitgeist: Mit dem frei werdenden Budget könnte man das Land ja wirklich in eine hochkulturberuhigte Begegnungszone mit politisch korrektem EU-Mainstream-Entertainment verwandeln!

Weitere kontraproduktive Statements kommen von diversen Wiener Ex-Intendanten, die plötzlich die Aufrechterhaltung des Repertoirebetriebs nicht mehr für zeitgemäß halten und versichern, Auslastungszahlen dürften nicht zu wichtig genommen werden. Dass sie dem Bekenntnis zum täglichen Betrieb und zu vollen Häusern Vertragsunterzeichnungen und -verlängerungen über Jahrzehnte verdanken, verschweigen sie.

Das muss an beginnender Vergesslichkeit liegen. Sonst wären es schlicht Böswilligkeit und Intrigantentum, wider besseres Wissen die im Gesetz festgeschriebenen Grundprinzipien des Wiener Opern- und Theaterbetriebs madig zu machen.

Abgesehen von der Bedeutung täglicher Einnahmen für das Bundestheater-Budget: Wie anders als mit Zahlen wollte man Politikern, die einen Kahlschlag im Kunst-, Musik- und Deutsch-Unterricht zulassen, die Bedeutung von Kulturinstitutionen erläutern? Und woran wollte man wirklich die internationale Reputation eines Opernhauses messen, wenn nicht am ungebrochenen Zustrom von Besuchern – und Auftritten der berühmtesten Interpreten aus aller Welt?

An freundlichen Erwähnungen im deutschen Feuilleton? Wenn es nach dessen Wertmaßstäben ginge, hätte die Staatsoper längst zusperren müssen. Sie ist aber eines der meistbesuchten Opernhäuser der Welt und der Repertoire-Betrieb, der die künstlerischen Kräfte täglich fordert und so singuläre Qualität sichert, funktioniert so gut wie früher, wenn nicht besser.

Ihn zu gefährden, kann nur subversiven Politikern oder Neidhammeln in den Sinn kommen. Reagiert aber die Politik nicht rasch, beschädigt sie nachhaltig die letzten Aushängeschilder, die dieses Land noch unverwechselbar machen.

E-Mails an:wilhelm.sinkovicz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.03.2015)