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Für das globale Pyramidenspiel gibt es nur Wachstum oder Kollaps

(c) REUTERS (RALPH ORLOWSKI)
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Die EZB beginnt heute mit dem Kauf von Staatsanleihen. Ein Schritt, der bei der Euro-Einführung 1999 als absolut undenkbar galt. Mit gutem Grund.

Berta Bundesrepublik und Otto Österreicher wollen von ihrer Währung nur eines: Stabilität. Auch wenn sie zu jung sind, um es selbst miterlebt zu haben: Die Tragödien vergangener Geldentwertungen haben sich tief ins kollektive Gedächtnis ihrer Länder eingebrannt. Aber sie sind nicht alleine. Ihre Freunde aus Italien, Spanien und Frankreich – aus Osteuropa und sogar die Bekannten aus Griechenland kennen die Nachteile der Inflation nur zu gut.

Jahrzehntelang haben sich die jeweiligen Machthaber dieser Länder immer und immer wieder der Inflation bedient – und die Währung entwertet, statt notwendige Reformen durchzuführen. Jahrzehntelang? Ach was. Jahrhundertelang! Der Aufstieg und Fall von Nationen und Imperien war nicht nur stets von Krieg begleitet – sondern auch vom Aufstieg und Fall ihrer jeweiligen Währungen.

Ohne Ausnahme waren es dabei die Mächtigen, die „Währungshüter“ ihrer Zeit, die das Geld am Ende zerstört haben – und die finanzielle Existenz ihrer Untergeben gleich mit. Die Bürger und Bürgerinnen hatten da nie etwas mit zu reden, den meisten muss diese bewusste Inflations-Politik sogar wie eine unvermeidliche Naturkatastrophe vorgekommen sein.

Aber das war sie natürlich nie. Und auch heute stehen die Währungshüter vor hausgemachten Problemen. Die Finanzkrise war keine Naturkatastrophe, sondern die Folge von unverantwortlicher Politik. Diejenigen, die nach Macht und Geld gieren, sind eine unheilige Allianz eingegangen, die sich heute wohl nicht mehr auflösen lässt. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs (und vor allem in den vergangenen 40 Jahren) wurde das Finanzsystem derart aufgeblasen, dass es heute ganz genauso wie ein Pyramidenspiel funktioniert. Es gibt nur zwei Richtungen: Wachstum oder Kollaps. Und Wachstum bedeutet in diesem System immer auch Geldmengenwachstum – also Inflation.

Neben der monetären Inflation durch niedrige Zinsen und die zu freie Vergabe von Krediten durch die Banken kam es seit den 1970ern auch zu einer Inflation an immer verrückteren politischen Ideen und Finanzprodukten. Und als das Kartenhaus 2008 einzustürzen begann, waren die Politiker rasch zur Stelle, um ihre Freunde in den Großbanken zu „retten“. Aber jetzt stehen die Staaten selbst an der Kippe – und wer wird sie retten? Nun, es gibt im ganzen System nur noch einen Sektor, der fraglos solvent ist. Die Zentralbanken.

Die sind solvent, weil sie per definitionem nicht zahlungsunfähig sein können – sie drucken das Geld ja selbst! Ist es da eine große Überraschung, dass die Politik wachsende Begehrlichkeiten entwickelt. Nein, ist es natürlich nicht. Es ist schlicht die x-te Wiederholung des immer gleichen Spiels.


Europa hat sich vor ein paar Jahren etwas einfallen lassen: Eine Zentralbank, die genau eine Aufgabe hat. Stabilität. Nicht die Unterstützung des Arbeitsmarktes, nicht die Rettung von Banken oder die Finanzierung von Staaten – sondern nur Stabilität, „Preisstabilität“ um genau zu sein. Das war der Pakt, den die EZB 1999 mit den Bürgern Europas eingegangen ist.

Aber heute wird die EZB mit etwas beginnen, das damals als völlig undenkbar galt: Sie wird Staatsanleihen mit frisch gedrucktem Geld kaufen – und damit den Politikern direkt unter die Arme greifen. Berta Bundesrepublik gefällt das natürlich überhaupt nicht – und ihr Vertreter bei der EZB, der Bundesbank-Chef Jens Weidmann, hat das auch unmissverständlich klar gestellt. Selbst Nationalbank-Chef Ewald Nowotny hat sich so klar geäußert, wie das für einen Österreicher eben möglich ist. Er meinte, die EZB hätte zumindest warten können.

Er hat recht. Wie auch die Protokolle der fraglichen EZB-Sitzung beweisen, sind die positiven Effekte des neuen Gelddruck-Programms genauso umstritten wie die angebliche Deflationsgefahr, die damit bekämpft werden soll. Die Risken des Programms sind zwar offensichtlich, werden aber ignoriert. Die versprochene Stabilität des Euro wird aufs Spiel gesetzt, weil es weltweit wieder mal nur einen Ausweg zu geben scheint: Inflation. Berta Bundesrepublik und Otto Österreicher mögen aus der Geschichte gelernt haben. Aber jetzt müssen sie trotzdem dabei zusehen, wie sie sich wiederholt.

nikolaus.jilch@diepresse.com; Twitter: @JilNik

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.03.2015)