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Italien: Durch die Hölle nach Europa

Italian Carabiniere give instructions to migrants as they are transferred to another immigration centre by a ferry boat on Lampedusa
Flüchtinge in Lampedusa(c) REUTERS (ALESSANDRO BIANCHI)
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Tareke Brhane aus Eritrea beschreibt seine Flucht durch Wüsten und das Mittelmeer nach Italien, die Gewalt und alltägliche Entwürdigung. Und erklärt, wieso er es wieder wagen würde.

Tareke Brhane kann sich genau an das Gefühl erinnern, als er damals, vor zehn Jahren, im Mittelmeer gerettet wurde: „Als ich vor Sizilien in das Schiff der italienischen Küstenwache stieg, wurde ich auf einmal unglaublich müde. Ich spürte meinen Hunger, den Durst, die Kälte ganz deutlich – zum ersten Mal seit Langem wieder. Das war schön.“

Heute hilft der lebhafte 31-Jährige mit der imposanten Lockenfrisur auf der sizilianischen Insel Lampedusa all jenen Menschen, die genauso wie er die gefährliche Überfahrt wagten. Brhane übersetzt, gibt praktische Tipps und versucht, ihnen Mut zu machen. Immer wieder sehe er in den Augen dieser Menschen genau jene Mischung aus Verzweiflung, Angst und Hoffnung, an die er sich selbst noch so gut erinnern kann.

Brhane war mit 17 Jahren aus Eritrea geflohen, um dem theoretisch verpflichtenden lebenslangen Militärdienst zu entgehen (Männer können nach dem Grundwehrdienst willkürlich im Militär behalten und immer wieder eingezogen werden). Vier qualvolle Jahre hat seine Reise nach Europa gedauert. Wenn er die Augen schließe, sehe er immer noch die endlose Wüste mit den bedrohlichen, enormen Sanddünen vor sich.Brhane erzählt von Flüchtlingen, die aus dem überfüllten Jeep fielen und von den Schleppern zurückgelassen wurden; von Wasser mit Benzin als Durstlöscher, von verdünntem Mehl gegen den Hunger. „Jeden Tag wurde ich schwächer, mutloser. Aber ich hatte mir geschworen: Wenn ich sterben muss, dann im Meer, nicht in der Wüste.“

 

„Du wirst zur Ware“

Er überlebte die Sahara. Und wurde von Schlepper zu Schlepper weitergereicht, musste immer neu zahlen. „Du wirst zur Ware“, erinnert sich Brhane bitter. „Ich hatte Glück. Freunde, Familie überwiesen mir immer die geforderten Beträge.“ Mehrere tausend Dollar hat er zahlen müssen. Trotzdem war er hilflos der Brutalität der Schlepper ausgeliefert. „Wir wurden geschlagen“, erinnert sich Brhane. „Aber am schlimmsten war es für die Frauen. Fast alle wurden vergewaltigt – oft vor ihren Männern, Brüdern und Vätern, die nichts tun konnten. Das sind Bilder, die verlassen dich ein Leben lang nicht.“

Irgendwann werde man „zur Maschine. Du funktionierst. Du überlebst, von Etappe zu Etappe, aber du spürst dich nicht mehr“, beschreibt der junge Mann. „Und wenn du dann nach all dieser Gewalt endlich das Meer erreichst, spürst du nur eine große Leere.“

Doch auch nach Ankunft an der libyschen Küste hatte die Odyssee durch die Schlepperhölle für Brhane einiges parat: Das Fischerboot, das ihn und mehr als 200 andere nach Europa schmuggeln sollte, wurde vor Malta gestoppt und zurückgeschickt. Die Flüchtlinge kamen in Libyen ins Gefängnis. Brhane gab nicht auf: Beim zweiten Mal erreichte er Italien. Und begann von null: Der Eritreer lernte Italienisch, holte die Matura nach. Heute hat er eine Familie, arbeitet. Er ist angekommen.

 

EU-Mission „unnütz“

Doch er hat nicht vergessen. Brhane will, dass Flüchtlinge als Menschen gesehen werden. Er versteht nicht, dass die EU immer noch keine Flüchtlingsstrategie entwickelt hat: „Wir machen immer nur einen Schritt zurück“, kritisiert er Triton, die EU-Grenzschutzmission im Mittelmeer. Jeder Cent, der in Grenzschutz investiert wird, sei Verschwendung, meint Brhane: Diese Menschen würden auf jeden Fall die Überfahrt wagen: „Wenn ich alles verloren habe – meine Familie, meine Heimat –, lasse ich mich nicht abschrecken.“

Tatsächlich rechnet die EU wegen der Lage in Libyen heuer mit einem Rekord an Migranten. Dazu Brhane: Flüchtlinge hätten ihm von hunderten Menschen erzählt, die in nur einem der Schlepperhäuser in Libyen warteten. „Sie werden in engen Räumen festgehalten, auch Kinder.“

ZUR PERSON

Tareke Brhane ist vor mehr als zehn Jahren aus Eritrea geflohen und kam 2005 nach Italien. Heute hilft er Flüchtlingen auf der Insel Lampedusa und setzt sich für ihre Rechte ein. [ Jenis ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.03.2015)