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Antibiotika: Gefahr resistenter Keime steigt

Bunter Pillenmix: Die Resistenzen gefährlicher Keime steigen jedoch.(c) Bilderbox
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Jährlich sterben EU-weit 25.000 Menschen an Infektionen, die durch resistente Bakterien hervorgerufen wurden. Die EU will die falsche Verwendung von Antibiotika eindämmen.

Wien/Brüssel. Wenn Mediziner über die häufigsten Todesursachen in industrialisierten Gesellschaften referieren, stehen Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs seit jeher ganz oben auf der Liste. Dagegen sind viele bakterielle Infektionskrankheiten heute gut behandelbar – noch. Denn Wissenschaftler warnen bereits seit Langem vor der zunehmenden Gefahr einer anderen, in der breiten Öffentlichkeit noch weitaus unbemerkten Bedrohung: der zunehmenden Antibiotikaresistenz. Schon heute sterben EU-weit 25.000 Patienten jährlich an Infektionen, die durch resistente Keime verursacht wurden – und kürzlich publizierte Studien lassen einen starken Anstieg befürchten. So könnten im Jahr 2050 zehn Millionen Menschen weltweit betroffen sein, warnt Piernicola Pedicini, Berichterstatter im Ausschuss für Umweltfragen, Volksgesundheit und Lebensmittelsicherheit des Europäischen Parlaments. Deshalb sei die Zeit zu handeln knapp.

Auch die EU-Kommission ist alarmiert – wenngleich die Bemühungen, die rasante Entwicklung immuner Bakterien einzudämmen, nicht neu sind. In einem Aktionsplan der Behörde gegen die Antibiotikaresistenz, der aus dem Jahr 2011 datiert, ist bereits von einem „globalen Gesundheitsproblem“ die Rede. Zwar sei die „Ausbreitung solcher Keime, die gegen bisher wirksame Arzneimittel resistent sind, ein biologisches Phänomen“. Zur Verstärkung dieses Phänomens tragen aber mehrere hausgemachte Faktoren bei. Eine der Hauptursachen ist bekanntermaßen der unangemessene Gebrauch von Antibiotika in der Humanmedizin. Pedicini warnt: „Diese Arzneimittel dürfen nur, wenn es notwendig ist, in korrekter Dosierung und für die kürzestmögliche Dauer eingenommen werden.“ In der Praxis ist das jedoch leider nicht immer der Fall. Viele Ärzte sehen sich dem zunehmenden Druck ihrer – oft uninformierten – Patienten ausgesetzt. Laut EU-Kommission sind über 50Prozent der europäischen Bürger nach wie vor davon überzeugt, dass Antibiotika auch gegen Viruserkrankungen wirksam sind. Ein Irrglaube: Wer mit einer Erkältung das Bett hütet, dem wird das Medikament nicht helfen. Zudem, moniert Pedicini, seien die Verpackungsgrößen mancher Produkte häufig nicht auf die tatsächlich nötige Dosierung abgestimmt.

Doch nicht nur die falsche Anwendung in der Humanmedizin stellt ein Problem dar. In der Tiermast werden Antibiotika oft standardmäßig und als Vorbeugung gegen Krankheiten unter das Futter gemischt. „Bei der Lebensmittelgewinnung können resistente Keime aus der Tierproduktion auf Fleisch, Milch oder andere Lebensmittel übertragen werden“, warnt Karin Kadenbach, SPÖ-Abgeordnete im EU-Parlament, im Gespräch mit der „Presse“.

 

Weniger Antibiotika in Nutztierzucht

Zwar sind Antibiotika als Wachstumsbeschleuniger EU-weit bereits seit dem Jahr 2006 verboten. Doch die Kommission will den Einsatz auch als Arzneimittel grundlegend reduzieren. Eine neue Initiative von Gesundheitskommissar Vytenis Andriukaitis zielt genau darauf ab: „Die Tiere dürfen Antibiotika nur noch bekommen, wenn sie bereits krank sind“, forderte der Litauer jüngst. Ein konkreter Vorschlag der Behörde soll noch im ersten Halbjahr 2015 vorliegen. Kadenbach verweist darauf, dass sich dann auch die Haltebedingungen in der Nutztierzucht ändern müssten: Insbesondere bei der Schweine- und Geflügelzucht gehöre „die hohe Besatzdichte untersagt“.

Die Gefahr, die mit zunehmender Anzahl antibiotikaresistenter Keime für den Menschen einhergeht, ist enorm – bedenkt man nur, dass sich bisher gut heilbare Infektionskrankheiten wie Lungenentzündungen oder Harnwegsinfektionen nicht mehr erfolgreich behandeln lassen. Besonders leicht verbreiten sich antibiotikaresistente Keime im Spitalsmilieu. So gibt es in Österreichs Krankenhäusern laut Kadenbach ein Problem mit potenziell hochgefährlichen Darmbakterien (Clostridium difficile).

Und die Kommission warnt: Die Entwicklung neuer wirksamer und sicherer Antibiotika werde wissenschaftlich immer schwieriger und kostenaufwendiger. „Es besteht die große Gefahr, dass die Medizin mit der Forschung nicht mehr nachkommt“, fürchtet auch Kadenbach.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.03.2015)