Am Mittwoch vor 150 Jahren wurde der einflussreichste Philosoph des 20. Jahrhunderts geboren. Doch der Begründer der Phänomenologie ist selbst ein Phänomen: Außerhalb seiner Zunft kennt ihn fast keiner.
Man kann über vieles philosophieren. Über Gott, über die Welt – oder über diesen einen Briefkasten in Göttingen. Ein ganzes Semester lang übte sich darin ein Assistent samt Studenten im Seminar. Inspiriert hatte ihn dazu sein Chef, ein altväterlicher, geheimrätlicher, etwas weltfremd wirkender Professor: Edmund Husserl.
Der Begründer der Phänomenologie schrieb trocken, spröde, klagte über seine Unfähigkeit zur Darstellung. Und doch strömten Studenten von weither in seine Vorlesungen, wurden Jünger seiner „Bewegung“, stimmten in seinen Schlachtruf ein: zu den Sachen selbst! Er hallte hinaus in die Welt. Ohne Husserl sähe die Philosophie des 20. Jahrhunderts ganz anders aus.
Kaum ein großer Denker, der nicht in seine Schule ging: Scheler, Carnap, Adorno, Marcuse, Anders. Bevor Lyotard und Derrida die Postmoderne ausriefen, betrieben sie Husserl-Studien. Vor allem aber ist die Existenzphilosophie, die Generationen ihr Lebensgefühl lieferte, ohne ihn nicht zu denken: Heidegger war sein Nachfolger, Sartre sein populärster Apologet. Nur ihn selbst, den Sohn jüdischer Tuchhändler aus einem mährischen Dorf, kennt außerhalb der akademischen Zunft bis heute fast niemand.
Verrückter Uhrmacher rettet die Logik
Seine Studenten nannten ihn den „verrückten Uhrmacher“, weil er oft, versunken in den Vortrag, mit seinen Fingern spielte, als wollte er eine Uhr reparieren. Lange schon standen die Zeiger der Philosophie still. Nur ein Neubeginn konnte sie wieder zum Ticken bringen. Die spekulativen Systeme des Idealismus waren gescheitert, Hegels galoppierender Weltgeist in den Graben des Marxismus gestolpert. Statt den Wissenschaften die sichere Basis zu liefern, verkam Philosophie zur Weltanschauung schrulliger Einzelgänger. Schopenhauer verkündete seinen privaten Welthass, Nietzsche fantasierte sich mit der Vision vom moralfreien Übermenschen in den Wahnsinn.
Dafür triumphierten – wie heute – die Naturwissenschaften über die Welt des Geistes. Die Gesetze der Logik? Ein Teil der Psychologie. Die Psyche? Ein Stück Natur. Der junge Mathematiker Edmund macht anfangs, in Wien und Halle, begeistert mit, erklärte Rechenregeln zu psychischen Abläufen. Das erregte den Zorn des Logikers Frege. Sein Schüler leistete Abbitte. Zur Jahrhundertwende erscheint ein Jahrhundertwerk: die „Logischen Untersuchungen“.
Sie sind eine radikale Abkehr vom Mainstream des Psychologismus. Nein, wies Husserl nun nach, der Denkablauf ist etwas anderes als der Denkinhalt. Man hat kein Phänomen des Geistes erklärt, wenn man es auf Hirnströme zurückführt. Denken wir „zwei mal zwei ist vier“, werden bestimmte Neuronenkomplexe aktiv. Ist damit das Ergebnis abgeleitet? Ein Computer rechnet gleich, obwohl er anders gebaut ist. Und unser Hirn könnte sich so weiterentwickeln, dass in Millionen Jahren zwei mal zwei fünf wäre. Das aber ist, mit Verlaub, absurd.
Wenn also die luftleeren Spekulationen des Idealisten ebenso scheitern wie der Tanz der Forscher um das goldene Kalb des Materialismus – wie lässt sich die Philosophie dann noch als Hort absoluter Gewissheit begründen? Husserl versuchte es, vielleicht das letzte Mal in der Geschichte. Er hob uralte Dualismen im Handstreich auf: den Unterschied zwischen den platonischen Ideen und ihren irdischen Abbildern, zwischen Descartes „denkender“ und „ausgedehnter“ Substanz. An ihre Stelle trat: das Phänomen. Zeigen, was erscheint, wie es erscheint, und was wir daraus über unser Bewusstsein lernen: Das ist die Aufgabe des Phänomenologen, eine hohe und hehre – auch wenn es nur um Briefkästen geht.
So erklärte Husserl den Geist durch den Geist, sah das Selbstverständliche als rätselhaft an und machte es so erst verständlich. Nicht im Dunkel von Freuds Unbewussten gilt es zu suchen, in dem es per definitionem nichts zu finden gibt, sondern in der blendenden Helle des Bewusstseins. Husserls Entdeckungen klingen nur scheinbar harmlos: „Bewusstsein ist immer Bewusstsein von etwas.“ Wir haben kein kostbares Innenleben, das dann irgendwie in Kontakt zur Außenwelt tritt, von der ich nie weiß, wie sie wirklich ist. Nein, unser Bewusstsein ist immer draußen bei den Sachen, als sinnstiftender Vollzug, als Denken in Freiheit.
Der Baum, die Freundin, das logische Gesetz: Sie alle werden „intentional“ erfasst, als wirklich, als Täuschung, als Fantasie. Sie werden erkannt, gewollt, gehasst. Es gibt keine Maschinerie der Kategorien wie bei Kant, die Sinneseindrücke zu Erkenntnissen verarbeitet, keine Gesetze des Bewusstseins – aber sehr wohl ein Bewusstsein von Gesetzen. Der Phänomenologe, der vorgefasste Urteile beiseiteschiebt, sich aus dem Lebensvollzug herausnimmt und dabei neugierig zusieht, erkennt, wie ein Gott, das Wesen der Dinge – als Phänomene.
Heidegger, der treulose Schüler
Heidegger waren diese Exerzitien der Erkenntnis noch immer zu idealistisch, zu lebensfern. Husserls fähigster Schüler strich das Bewusstsein weg, warf den Menschen in seine existenzielle Lage. Doch die Methode war die gleiche: den Ort verorten, auf dem wir immer schon stehen, auch mit neuen Begriffen – das In-der-Welt-Sein, die Geworfenheit, das Sein-zum-Tode. Zu Beginn von „Sein und Zeit“ stand: „Edmund Husserl in Verehrung und Freundschaft zugeeignet.“ 1933, als Freiburger Rektor, entfernte der glühende Nazi Heidegger die Widmung für den verfemten, von der Uni ausgesperrten Juden. 1938 starb Husserl, vereinsamt und verbittert. Nach Kriegsende schummelte Heidegger die Widmung wieder hinzu.
Sartre jedoch hielt Husserl die Treue. In „Das Sein und das Nichts“ erfasste er den Menschen phänomenologisch: durch die Analyse des Kellners im Café, der Spaziergänger im Park, der Paare beim Sex. Dabei entdeckte Sartre ein Sein, das absolute Freiheit ist, weil es sich durch den Bewusstseinsakt aus dem Nichts erschaffen muss. Später kippte er sich in die Lebensentwürfe von Flaubert, Baudelaire und Genet, entdeckte Sinngebilde, die kein Hirnforscher der Welt aus Neuronen herauslesen kann.
Husserl selbst hinterließ 40.000 Seiten in Kurzschrift. Ein Pater rettete sie vor den Nazis ins belgische Löwen. Dort warten sie geduldig auf eine mehr denn je wissenschaftshörige Gesellschaft, für die alles Erlebte nur mehr ephemere Oberfläche ist – bis sie wieder zu den Phänomenen kommt, zur Fülle des Lebens, zu den Sachen selbst.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.04.2009)