Traumstoff: Leben wie Cinderella

Auch Abgebrühte bringt Aschenputtel zum Schluchzen.(c) Disney Enterprises

Die Neuverfilmung des Disney-Klassikers löst Tränenschwälle und eine Flut an modischen Begleitprodukten aus.

Der „Aschenputtel“-Stoff ist zwar nicht so alt wie die Menschheit, aber angeblich kannten ihn schon die alten Ägypter. Der Zeichentrickfilm „Cinderella“, einer der größten Walt-Disney-Kassenschlager ever, entstand 1950 mit dem damals astronomisch hohen Budget von zwei Millionen Dollar. Die singende Cinderella mit den blonden Haaren und dem himmelblauen Augen, die mit Mäusen spricht, brav und geduldig wartet, bis sie mithilfe der guten Fee von ihrer bösen Stiefmutter befreit als Prinzessin in den Palast einziehen kann, hat Generationen von Kindern bezaubert.

Aber heute? Wer soll sich für ein Mädchen begeistern, das sich geduldig schikanieren lässt, anstatt sich aufzulehnen? Etwa die modernen, an Müttern und Stiefmüttern reichen Teenager, die öfter zu H&M als in die Küche gehen, um sich selbst ein Butterbrot zu schmieren? Was soll ihnen das Märchen vom Aschenputtel noch sagen? Oder uns, die wir die feministische Lektion gelernt haben, dass gute Mädchen zwar in den Himmel kommen, böse aber überallhin? Aschenputtel, denken wir, wenn wir uns bequem im Kinosessel zurechtsetzen, ist ein Relikt aus dem 19. Jahrhundert. Als Mütter noch jung starben und Väter sich wenig um ihre Töchter kümmerten. Als man Mädchen noch weismachte, brav und geduldig zu sein wäre die Strategie, mit der man es im Leben zu etwas bringen würde.

Und dann die Überraschung! Kaum zehn Minuten der neuen „Cinderella“-Verfilmung sind über die Leinwand geflimmert, und schon spürt man Tränen in sich aufsteigen. Was ist das? PMS? Nein, es handelt sich um die ganz normale Reaktion auf eine urmenschliche Krisensituation, die hier in Szene gesetzt wurde. Ein junger Mensch wird durch einen Schicksalsschlag aus dem wohlbehüteten Idyll seiner Kindheit gerissen.
Cinderellas Mutter stirbt, aber nicht, ohne ihrer Tochter zwei wichtige Lebensweisheiten mitzugeben: „Always be brave and kind, my darling. Promise me!“

Karfunkel. Aschenputtels Schuh, hier die Swarovski-Version.(c) Beigestellt

Echte Menschen, große Ideale. Was vom Regisseur Kenneth Branagh ruhig und sicher inszeniert und von Cinderella Lilly James (bekannt aus der britischen Kultserie „Downton Abbey“) überzeugend gespielt wird, ist die Coming-of-Age-Geschichte einer Mädchenfigur, die sich durchsetzt, indem sie zwei wichtige Strategien verfolgt. Sie bleibt ihren Werten treu. In einer der schlimmsten Krisen eines Kindes – emotional vernachlässigt, ohne Mutterliebe, brutalem Mobbing ausgesetzt – kann sie dadurch ihre persönliche Würde bewahren. Und sie zieht Kraft aus ihrer Fantasie, in der Mäuse und Vögel zu Freunden werden und Magie möglich ist. Wenn man nur daran glaubt.

Ins Reale transferierte Walt-Disney-Märchenlandschaften, groß, weit und traumartig, lustige Verwandlungseffekte und fantastische Kostüme machen es der Zuschauerin (und natürlich auch dem Zuschauer) leicht, in eine Märchenwelt abzutauchen, die ihr inneres Echo findet. Nur zu gern lässt man sich an die Werte Menschlichkeit, Freundlichkeit, Tapferkeit erinnern.

Und der Prinz? Die Männer sind und bleiben nun einmal in der Welt von Aschenputtel
Statisten, Stichwortgeber, Projektionsflächen. Sicher. Man glaubt den Beteuerungen des Drehbuchautors Chris Weitz, dass der Prinz hier zu einem gleichwertigen Partner für Cinderella hätte gemacht werden sollen; aber die wahre Partnerin des jungen Mädchens ist die böse Stiefmutter – die böseste Stiefmutter der Märchengeschichte. Sie ist durch Cate Blanchett großartig verkörpert. In atemberaubenden Roben, kerzengerade, teuflisch schön, durch und durch berechnend blitzt in dieser Figur ein ganzes enttäuschtes Frauenleben auf. Ziele, die nicht erreicht, Träume, die zerplatzt sind. Zu oft hat sie ihre Werte verraten, als dass sie jetzt noch umkehren könnte.
Aschenputtel wird ihr zur unerträglichen Erinnerung an ein früheres Selbst, zu dem es keinen Zugang mehr für sie gibt. Man hat Mitleid mit ihrer Bösartigkeit, die – so will es das Märchen – hilflos gegen die bessere Moral ist.

Und im realen Leben? Im realen Leben sind wir natürlich dazu verdammt, alle Rollen zu spielen: die der bösen Stiefschwestern, die nicht mehr böse sind, sondern einfach ein bisschen gedankenlos, egoistisch und versessen auf „Putz und Tand“.

Auch für sie hat Walt Disney ein Happy End gefunden – freilich nach dem Kinobesuch: Die Filmproduktion kooperierte mit Schuhdesignern für eine Glasschuhkollektion der Extraluxusklasse. Und die böse Stiefmutter? Stiefmütter sind heute nicht mehr böse, sondern gestresste Teile einer Patchworkfamilie, die sich im Hin und Her der eigenen und fremden Ansprüche an Mütterlichkeit, Partnerschaft, Selbstoptimierung und berufliche Ziele aufreiben. Längst sind es die Stiefkinder, die hier die Strippen ziehen und nicht selten die verschiedenen Elternteile gegeneinander ausspielen.

Die bösen Stiefmütter sind heute die Frauen in den besten Jahren, die irgendwann in der Hektik zwischen Vorstandssitzung und Fitnessstudio vergessen haben, was sie eigentlich einmal werden und wer sie eigentlich einmal sein wollten. Vielleicht halten sie deshalb an etwas fest, über das sie besser hinausgewachsen wären. Wie sonst könnten Schönheitsinstitute mit dem „Cinderella-Effekt“ durch Oberarmstraffung und Facelifting erfolgreich Werbung machen? Wie sagt der Prinz, als ihm Cinderella beim großen Ballauftritt zuflüstert: „They are all looking at you.“ „No, they are all looking at YOU!“ Und die Moral der Geschichte? Kluge Cinderellas genießen den Augenblick und lassen ihn dann gelassen hinter sich.