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Jean-Luc Godard: „In der Ära von James Bond und Vietnam“

Hollywood und die amerikanische Kultur im Allgemeinen waren ihm Vorbild und Feindbild zugleich: Jean-Luc Godard, geboren 1930 in Paris, filmt noch immer. Zuletzt, im Dezember 2014, war „Adieu au langage“ in den Kinos. Das Filmmuseum zeigt sein Werk bis 1967.(c) Filmmuseum
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Das Österreichische Filmmuseum zeigt „Die erste Welle“ des Schaffens von Jean-Luc Godard – vom legendären „Außer Atem“ über „Die Verachtung“, seine Abrechnung mit der Filmindustrie, bis zu „Week End“.

Aus heutiger Sicht ist es schwierig, sich in die Köpfe der Kinozuschauer hineinzudenken, auf die Jean-Luc Godards Langfilmdebüt „Außer Atem“ 1960 gewirkt haben muss wie ein Blitzschlag aus heiterem Himmel. Das bildsprachliche Rebellionsvokabular des Kultfilms gehört längst zum Stilrepertoire von Werbeclips, Musikvideos und Hollywood-Produktionen. Doch damals war der nominelle Billigkrimi mit seinen sprunghaften Schnitten, den selbstironischen Referenzexzessen und der schnoddrigen Nonchalance in Schauspiel, Form und Inhalt mehr als nur der Ausdruck eines jugendlichen Lebensgefühls – er war die filmgewordene Bruchstelle zwischen Klassik und Postmoderne. In der Kritik zum Österreich-Start sah die „Presse“ damals ein „gefährliches“ Werk: Zwar zeige es „die Früchte des Zorns in verblüffender Echtheit und mit atemberaubender Spannung“, sei aber in seiner Weltanschauung „eine Verherrlichung des Bösen und ein Trumpf der Negation, zu der wir energisch Nein sagen müssen“. Das Publikum sagte Ja, und Godard wurde – ebenso wie seine Hauptdarsteller Jean-Paul Belmondo und Jean Seberg – ein international gefeierter Star.

 

Kunst und gleichzeitig Kunsttheorie

Doch nur zu oft wird Godard auf sein Debüt reduziert. Dabei ist „Außer Atem“, mit einer Story von François Truffaut und technischer Beratung von Claude Chabrol, noch am ehesten ein Kollektivkind jener Pariser Außenseiterbande, deren Wirken in den Fünfzigern und Sechzigern eine Nouvelle Vague heraufbeschwor und umkrempelte, wie man Kino dachte, sah und machte. In ihrer Mitte konnte sich der in großbürgerlichen Verhältnissen am Genfer See aufgewachsene Godard unter gleichgesinnten Filmverrückten austoben, zunächst als Kritiker für „Cahiers du cinéma“, später mit ersten Regieversuchen. In einem frühen Text fordert er vom Film „Kunst und gleichzeitig Theorie der Kunst“, ein Credo, das sein Schaffen nach „Außer Atem“ mit wachsender Vehemenz bestimmen sollte.

Seine Arbeiten bis 1967 – 15 Filme in nur acht Jahren – sind beseelt von der Leidenschaft und Energie, aber auch von der Wut und Zerrissenheit eines jungen Intellektuellen. Am deutlichsten äußert sich diese Zwiespältigkeit in seiner Hassliebe zu Hollywood und zur US-Kultur im Allgemeinen, die ihm Vor- und Feindbild zugleich waren. Dass kein Studio-Klassizist aus ihm werden würde, merkte man aber bereits bei „Une femme est une femme“, seiner eigentümlich stotternden „Musical-Komödie“ – Genres sind bei Godard stets unter Anführungszeichen zu setzen, liefern ihre eigene Dekonstruktion gleich mit, ob Science-Fiction („Alphaville“) oder Agententhriller („Made in USA“). Das Misstrauen gegenüber den Konventionen des Erzählkinos war eine Reaktion auf die Herausforderungen einer offenkundig paradoxen Gegenwart: auf der einen Seite Kolonialkriege und geheime Staatsaffären, auf der anderen Werbeidyll und Konsumkult. Godard hadert mit seinem Medium und der Sprache selbst, den Möglichkeiten, dieser doppelbödigen Wirklichkeit gerecht zu werden, schlägt mit schroffen Brecht'schen Gesten auf den Weltspiegel ein, bis nur noch Risse bleiben. In dieser unaufhörlichen, beinahe neurotischen Selbstkritik ist seine spätere, „maoistische“ Phase schon vorgezeichnet.

Der Breitenwirksamkeit von Godards Arbeiten tat das kaum Abbruch, denn bei aller willentlichen Sperrigkeit sind seine frühen Experimente lustvoll und sexy: Mit fröhlicher Respektlosigkeit collagiert er Versatzstücke aus Hoch- und Popkultur, reißt derbe Witze, setzt immer wieder junge, schöne Frauengesichter vor knallige Farben im opulenten Cinemascope-Format (die Kombination Weiß-Rot-Blau bildet ein mehrdeutiges Leitmotiv).

 

Brigitte Bardot neben Fritz Lang

Eines dieser Gesichter gehört der Dänin Anna Karina, mit der Godard von 1961 bis 1968 verheiratet war – ihre zwischen quirlig und trübsinnig wechselnden Performances in seinen Filmen machten sie zur Stilikone. Für „Die Verachtung“, seine Abrechnung mit der Kinoindustrie, castete er Brigitte Bardot neben seinem Regieidol Fritz Lang, den er über die Unvereinbarkeit von Kunst und Kommerz philosophieren ließ. Der Film hatte Erfolg und widerlegte sich prompt selbst. Godards Flickwerke waren perfekt für „die Kinder von Marx und Coca-Cola“ in der „Ära von James Bond und Vietnam“, wie es in „Masculin Féminin“ heißt: bunt gescheckt und quer gedacht, vollgesogen mit zeitgenössischen Diskursen, bevölkert von lässig-desillusionierten Figuren auf der Suche nach allem oder nichts.

Ähnlich ging es auch dem Regisseur, jede neue Arbeit musste eine Widerlegung der vorhergehenden sein, um mit der Zeit Schritt zu halten. Auf eine „soziologische“ Periode folgte mit „La Chinoise“ die empathische (und prophetische) Parodie linker Studentenbewegungen, und in der Totalkarambolage „Week End“ verkündet Godard 1967 scheinbar endgültig „fin du cinéma“ – natürlich wieder nur eine Finte, um den Weg zu räumen für radikalere Abenteuer, bei denen ihm allerdings nie wieder so viele folgen würden wie während seiner „ersten Welle“.

Die Retrospektive „Die erste Welle“ im Filmmuseum läuft bis 9. April, weitere Schlaglichter auf Godards Œuvre sollen in den kommenden Jahren folgen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.03.2015)