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Report: Der syrische Horror in nackten Zahlen

(c) Reuters
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Hilfsorganisationen dokumentieren das Scheitern der Weltgemeinschaft in haarsträubenden Statistiken.

Kairo. Zahlen sind trocken und lassen nicht hinter einzelne Schicksale blicken. Aber die Statistiken, die im März zum vierten Jahrestag des Syrien-Konfliktes von der UNO und von Hilfsorganisationen präsentiert wurden, drücken den syrischen Horror mathematisch aus. Die wohl schockierendste Zahl im neuen UN-Syrien-Krisenbericht ist eine Minusrechnung, ein Minus an Leben. Seit Beginn des Konfliktes vor vier Jahren ist die durchschnittliche Lebenserwartung in Syrien um zwei Jahrzehnte gesunken, von 75,9 Jahren auf 55,7 Jahre.

Das liegt an Armut, dem zusammengebrochenen Gesundheitssystem, aber auch direkt an den Folgen der Gewalt. Bei den Toten im Krieg kann nur grob geschätzt werden. Im Jahr 2014 waren laut UN-Bericht ungefähr 210.000 Bürgerkriegstote erreicht, 840.000 Menschen sind verwundet worden. Zusammen macht die Zahl der Toten, Verstümmelten und Verwundeten sechs Prozent der Bevölkerung aus.

Viele staatliche Dienstleistungen sind vollkommen zusammengebrochen. 2014 ging ungefähr die Hälfte der schulpflichtigen Kinder nicht mehr zur Schule. Die meisten von ihnen haben im Krieg bereits zuvor drei Schuljahre verloren. Für diese Generation ist der Bildungszug praktisch abgefahren.

Die offizielle Arbeitslosenrate ist von 15Prozent in vier Jahren um fast 58Prozent gestiegen. Vier von fünf Syrern leben unter der Armutsgrenze. Zwei Drittel der Syrer vegetieren laut dem UN-Bericht in „extremer Armut“ dahin und schaffen es nicht, sich die nötigsten Dinge des Lebens zu beschaffen.

Auch 21 Hilfsorganisationen meldeten sich zum vierten Jahrestag des syrischen Bürgerkrieges mit einem Bericht unter dem Titel „Failing Syria“ zu Wort. Der lässt kein gutes Haar an den Konfliktparteien in Syrien, den Mitgliedern des Sicherheitsrates und anderen UN-Mitgliedstaaten, „die Resolutionen ignoriert oder untergraben haben“. Auch darin werden ernüchternde Fakten präsentiert. Demnach war 2014 das blutigste Jahr des Konflikts, das mindestens 76.000 Syrer das Leben gekostet hat. Insgesamt sind nach diesem Bericht 220.000 Menschen bisher zu Tode gekommen.

Auch der Zugang zu Hilfsgütern habe sich nicht verbessert, sondern verschlechtert: 4,8 Millionen hilfsbedürftige Menschen befänden sich in Gebieten, die von den Vereinten Nationen als „schwer zugänglich“ definiert wurden. Dies seien 2,3 Millionen mehr als im Vorjahr, heißt es.

Gleichzeitig habe der Hilfsbedarf zugenommen: 5,6 Millionen Kinder seien auf Hilfsleistungen angewiesen, 31Prozent mehr als 2013. Und, was vielleicht am dramatischsten ist: Während die Not immer größer wird, steht immer weniger Geld zur Verfügung. 2013 waren laut dem Bericht noch 71 Prozent der erforderlichen Nothilfemaßnahmen zum Schutz von Zivilisten finanziert worden. 2014 sank dieser Anteil auf 57Prozent.

 

„UNO hat versagt“

Für Kathrin Wieland, Geschäftsführerin von Save the Children Deutschland, war das vergangene Jahr das „dunkelste seit Ausbruch dieses fürchterlichen Krieges“. Die UNO habe versagt. „Alle Konfliktparteien haben unverantwortlich gehandelt und die Forderungen des Sicherheitsrates ignoriert. Die Zivilisten, darunter viele Kinder, werden nicht geschützt vor der Gewalt, und ihr Zugang zu humanitärer Hilfe hat sich nicht verbessert.“

Visuell vielleicht am beeindruckendsten sind Satellitenbilder, die #withSyria, eine Koalition von Hilfsorganisationen, veröffentlicht hat. Dort werden Nachtaufnahmen verglichen, die aus 800 Kilometer Höhe aufgenommen wurden. Vom März 2011 bis Februar letzten Jahres ist die Zahl an Lichtquellen im ganzen Land um mehr als 80Prozent zurückgegangen. Orte wie Aleppo sind fast komplett dunkel. In Syrien ist in den letzten vier Jahren buchstäblich das Licht ausgegangen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.03.2015)