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Praterstraße: Boulevard der Dämmerung

Grätzeltour. Rund um die Praterstraße findet Autorenfilmer David Ruehm laufend Sujets – pariserische Szenerien, aber auch ausgesuchte Ödnis.

Plagt Vampire in Wien die Lust auf Steak, gehen sie ins Oscars am ruhigen Oberlauf der Praterstraße, wenig frequentiert und ziemlich schummrig. Als Regisseur und Drehbuchautor David Ruehm für seinen aktuellen Film „Der Vampir auf der Couch“ die Locations überlegte, wollte er zumindest die Gastroszenen seiner Blutsauger in einem bestimmten Gebäude verorten: In dem leer stehenden Geschäftslokal eines Gründerzeithauses an der Ecke, an der die stille Praterstraße und die schmale Zirkusgasse ein Dreieck bilden, sollte schließlich für ein paar Drehtage das Oscars einziehen.
Ruehm marschiert hier regelmäßig vorbei – er wohnt schon lang und begeistert in der Leopoldstadt – und schätzt diesen Platz besonders: „Er hat etwas von Paris. Vor allem, sobald im Frühling die Tische draußen stehen. Außerdem haben einige Häuser französische Fenster.“ Aber vor allem war es die Zeitlosigkeit des Ortes, die Ruehm reizte: Es braucht schließlich nicht viel, um das Ambiente mit historistischen Fassaden, alten Ladenfronten und vergilbten Aufschriften, die Platzsituation mit dem Nestroy-Denkmal, den Bäumen, dem Bankerl und dem Kopfsteinpflaster in die frühen Dreißigerjahre zu transferieren. Die neueren Geschäfte (Song, Schella Kann) und Lokale (Mochi, Ansari) nehmen sich auf der Fassade ohnehin dezent zurück. Zur Sicherheit wurden beim Dreh noch ein paar Litfaßsäulen aufgestellt, damit der Gegenschuss aus dem Vampirlokal nichts von der Gegenwart der benachbarten Bürotürme verrät.

Grätzel als Kulisse

„Ein Vorteil war auch, dass wir hier gleich Sujets innen und außen drehen konnten“, erzählt der Autorenfilmer. Weitere Drehorte fand Ruehm für seine Geschichte rund um den lebensüberdrüssigen Grafen (Tobias Moretti) auf dem Franziskanerplatz und der Mölker Bastei in der Inneren Stadt.
Ruehm hat die Gebäude und den Straßenraum des zweiten Bezirks immer wieder in Bilder übersetzt: etwa in der Komödie „El Chicko“ deren Hauptmotiv in der Großen Schiffgasse angesiedelt war; Werbefilme entstanden rund um den Prater, im Stuwerviertel. Und die Sujets, die der gelernte Fotograf vom Volkert- bis zum Karmelitermarkt gefunden hat, würden Bände füllen. Als nächste Location lockt Ruehm das neue Stadtentwicklungsgebiet hinterm Praterstern, weil die modernen Wohnbauten „eine so unwienerische Stimmung vermitteln“.
Zur Praterstraße selbst besteht eine Art Hassliebe, die viele empfinden, die dort wohnen oder arbeiten: Leerstände prägen manche Abschnitte dieses heruntergekommenen Boulevards, Ruehm hat viele Retailer ein- und bald wieder ausziehen gesehen. Was ihn besonders stört, ist der öde Zeichenvorrat, den sie auf den historischen Gebäuden hinterlassen: „Viele Aufschriften und Geschäftsschilder sind extrem hässlich.“ Man müsse schon zweimal hinschauen, um die „hidden gems“ zu entdecken: das lebendige Theater Nestroyhof – Hamakom. Oder einen Fahrradladen in der Optik der Nachkriegsmoderne. Durchgänge und Höfe, die bis ins Nachbargrätzel reichen. Lokale wie das Tempel, eine der erfreulichen Gastro-Adressen in einer von Lounge-, Espresso-, Fastfood-Ödnis geprägten Versorgungsachse. Hier wird auf dem Trottoir die Chance vergeben, öffentlichen Raum zu gestalten. Der trostlose Grünstreifen in der Mitte der vierspurigen Straße ist höchstens ein Unglück. Doch zumindest nähren ein paar Lichtblicke Ruehms Hoffnung, dass die Praterstraße endlich von der Aufwertung rundum erfasst wird: Im neogotisch-venezianischen Dogenhof hat sich ein Analog-Shop mit Café (Supersense) niedergelassen. Manchmal braucht es nur einen Trigger, dass Anrainer mitziehen.

 

Zum Ort, zur Person

Der Charakter der Praterstraße ändert sich im Verlauf stark. Vom Donaukanal bis zum Nestroyplatz setzen sich schicke Shops, Lokale und auch Neubauten durch. Bis zum Praterstern plagt sich die Erdgeschoßzone oft mit Leerstand, Ramsch und Gesichtslosigkeit.
David Ruehms „Der Vampir auf der Couch“ läuft gerade wieder – im Admiral-Kino. Tobias Moretti (Hauptdarsteller) Ruehm (Drehbuch) und der Film selbst sind für die Romy nominiert.