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Wenn „Flucht“ im Lebenslauf steht

Sabrina Luimpöck
(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Die Soziologin Sabrina Luimpöck fragt bei tschetschenischen Flüchtlingen nach, wie sich ihre Karriere verändert hat und wer oder was bei der Arbeitssuche hilfreich war.

Was macht sich gut in einem Lebenslauf? Gute Schule, Studium mit Auszeichnung, Karriere in einem renommierten Unternehmen. Selten steht „Flucht“ mitten im Lebenslauf. Was passiert, wenn mehrere Jahre der Ausbildung oder auf dem Arbeitsmarkt fehlen, weil man seine Heimat verlassen musste? Wie wirkt es sich auf die Karriere aus, wenn man als Asylwerber weder in die Schule gehen noch arbeiten darf? Diese Fragen will Sabrina Luimpöck in ihrer Dissertation am Institut für Soziologie der Universität Wien lösen. Betreut wird sie dabei von Elisabeth Scheibelhofer, deren Forschungsschwerpunkt „Migration und Mobilität“ ist.

„Es gibt zwei große Brüche in der Erwerbskarriere von Flüchtlingen“, sagt Luimpöck. „Der erste Bruch ist die Flucht selbst. Da wird die Schule abgebrochen, oder man gibt seinen Job in der alten Heimat auf. Manche Schulen werden schon bei Kriegsbeginn geschlossen, sodass der Bruch in der Ausbildung lang vor der Flucht passiert.“ Den zweiten Knick in der Biografie bedingt das Asylverfahren: Es dauert mitunter Jahre, bis der Status als Flüchtling anerkannt wird und eine Teilnahme am gesellschaftlichen Leben uneingeschränkt möglich ist.

 

Betroffene zeichnen ihr Netzwerk

Luimpöck interviewt für ihre Sozialforschung tschetschenische Flüchtlinge, die seit mindestens drei Jahren in Österreich sind und bereits einen positiven Asylbescheid haben. Als Sozialarbeiterin kennt sie manche Betroffenen persönlich, andere werden ihr empfohlen. Jedes Interview dauert meist über eine Stunde, denn Luimpöck will ganz genau wissen, wie der Einstieg in die Arbeit hierzulande geklappt hat, welche Beziehungen dafür notwendig gewesen sind, wer den Flüchtlingen geholfen hat und wo sie die größten Hürden sehen.

„Ich möchte das Netzwerk der sozialen Beziehungen sichtbar machen, die bei der Arbeitssuche helfen. Deswegen bitte ich die Interviewten, eine ,egozentrierte‘ Grafik ihres Netzwerks von Freunden und Bekannten zu zeichnen. Während sie diese gestalten, erzählen sie viel detaillierter, wer ihnen wo und wann geholfen hat.“

Erst durch diese Methode fiel Luimpöck auf, dass es oft gar nicht die besten Freunde der Flüchtlinge sind, die ihnen in Österreich weiterhelfen. Freilich ist die Vernetzung in der Gemeinschaft sehr hoch, hier lebende Tschetschenen helfen ihren Landsleuten auch bei der Arbeitssuche. „Aber oft geben lose Bekanntschaften, wie etwa die Betreiber der Flüchtlingspension, den ersten Impuls für eine neue Arbeitsstelle. Meine ersten Ergebnisse zeigen, dass die Familien, die Herbergen für Asylwerber betreiben, oft Jobs vermitteln und noch Jahre später Kontakt zu den Flüchtlingen haben“, erzählt Luimpöck. Sie betont auch, dass Flucht nicht immer eine negative Zäsur im Lebenslauf sein muss. Wie etwa bei einem Flüchtling, der beim ersten Tschetschenien-Krieg in den 1990er-Jahren in eine Nachbarregion floh und dort ein Internetcafé eröffnete, das gut lief. Als er wieder in seine Heimat zurückkehrte, half ihm die Erfahrung: Er konnte bei einem lokalen Fernsehsender arbeiten und seine Familie sicher versorgen.

„Erst die Flucht beim nächsten Tschetschenien-Krieg, die ihn und seine Familie nach Österreich führte, brachte einen Bruch in die Karriere“, sagt Luimpöck. Hier konnte er während des Asylverfahrens nicht arbeiten, danach folgten Hilfstätigkeiten, weit unter seinem Ausbildungsniveau. „Die großen Hürden sind, dass Ausbildungen oft nicht anerkannt werden und es durch viele Formalitäten schwer ist, selbstständig zu werden“, so Luimpöck. „Viele wollen auch in einer österreichischen Firma arbeiten, um Kontakte zu Einheimischen zu knüpfen und nicht nur auf das Netzwerk in der eigenen Community angewiesen zu sein.“

ZUR PERSON

Sabrina Luimpöck wurde 1987 in Freistadt geboren und studierte „Soziale Arbeit“ an der FH Wien sowie Russisch an der Uni Wien. 2011 war sie ein Semester als Erasmus-Studentin in Prag. Derzeit schreibt sie ihre Dissertation an der Soziologie der Uni Wien und forscht zugleich an der FH Burgenland über die sozialen Netzwerke älterer Menschen. Die Interviews mit tschetschenischen Flüchtlingen führt sie teilweise auf Russisch, das sie fließend spricht.

Alle Beiträge unter: diepresse.com/jungeforschung

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.03.2015)