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Song Contest 2015: Drei Bärte für Europa

Eurovision Song Contest - Wer singt fuer Oesterreich?
The MakemakesORF
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Beim Song Contest im Mai werden The Makemakes für Österreich antreten: eine wertkonservative Rockband, wie es sie (fast) überall gibt und (fast) immer gegeben hat.

„Die Haare schneiden wir uns sicher nicht ab“, sagte Sänger Dominic Muhr zur Austria Presse Agentur; „Bart bleibt dran“, ergänzte Bassist Markus Christ. Das nennt man wertkonservativ. Und das atmet einen Hauch Pop-Ewigkeit: The Makemakes könnten genauso gut aus den frühen Siebzigerjahren stammen wie aus der Jetztzeit. Bärte, Hut, strähniges Haar, leicht müde Augen: Sie sehen aus, wie eine klassische Rockband auszusehen hat, seit die Beatles aufhörten, sich zu rasieren. Und sie verströmen die dazugehörige Gelassenheit: Die Coolness, die betonte Langsamkeit, mit der sie die gekonnt auf maximale Aufregung hin inszenierte ORF-Ausscheidungsshow über sich ergehen ließen, war meisterlich, so wie ihre erste Antwort im „ZIB 24“-Interview: „Is des scho zwa Stunden her? Bist du narrisch!“

The Makemakes, tatsächlich aus Thalgau und Mondsee stammend, könnten von überall her sein: Solche ohne Ironie von ihrer „ehrlichen“ Musik schwärmenden Bands gibt es in der ganzen Welt, vor allem abseits der Metropolen. Oder? Ist nicht doch etwas spezifisch Österreichisches an ihnen? Die vom Opa hergerichteten Fantadosen und Wurstsemmeln, von denen der Schlagzeuger erzählte, jedenfalls. Wohl auch die liebenswert verschrobene Hippie-Idee, sich nach dem Schöpfergott der Osterinsel-Kultur zu nennen. Und vielleicht haben Ewigkeitsrocker, die sich gern auf eine Almhütte zurückziehen, doch einen leicht anderen Groove als solche, die an Fenstertagen in die Wüste fahren können?

Austropop? Das darf man sich in dieser Zeit, in der so viel über das Wesen und Sein des Austropop meditiert wird, fragen, und das ist gut so. Das ist ja eines der Faszinosa des Song Contests, der im letzten Jahrzehnt allmählich von einer skurrilen, nicht nur von den FM4-Kabarettisten Stermann und Grissemann verspotteten Parallelwelt-Veranstaltung zu einer interessanten Revue geworden ist: Er ist international und national zugleich, er lässt uns grübeln, ob es so etwas wie Landescharakteristika im Pop gibt, geben soll. Ganz ohne Chauvinismus.

Die Sängerin Zoe etwa mit ihrem auch in der englischen Version noch sehr französischen Lied „Quel filou“: Ist diese Art von Frankophilie nicht typisch für ein Land, in dem man eine Melange bestellt, auf den Plafond starrt und Orte wie Hainburg oder Steinhof mit Überzeugung auf der zweiten Silbe betont? Bei aller charmanten Nervosität der Sängerin, die Moderatorin Mirjam Weichselbraun zum Kommentar „Allen Papis dieser Welt hat's gefallen“ inspirierte, die Komposition war zu berechnend, zu sehr auf Déjà-vu getrimmt, so wie das auf dem Keyboard platzierte Trichtergrammofon. Wohl nicht nur allen Papis tat sie trotzdem leid, als sie, die sichtlich schon auf den Sieg hingezittert hatte, dann doch nicht in die Endrunde kam. Die Kamera, die sie bis dahin beharrlich verfolgt hatte, schaute nach ihrem Ausscheiden weg, folgte ihr nicht in die Enttäuschung: So diskret kann Fernsehen sein, ganz ohne Ironie.

Der beste Song des Abends kam indessen von den Zweitplatzierten, Dawa aus Wien. Eine leichtfüßige, doch nie banale Melodie, schöner, frühlingshafter Harmoniegesang, ein auf unpeinliche Art euphorischer, die Jugend feiernder Text – und dann noch dieses genial minimalistische Xylofon-Zwischenspiel: „Feel Alive“, sensibel produziert von Patrick Pulsinger, sollte sich auch ohne Song-Contest-Teilnahme gut verkaufen. Und die Multikulti-Kombination aus einer sehr keltisch aussehenden Rothaarigen, einem Rasta mit fünfspurigem Bart, einer deutschen Blondine und einem Ostasiaten ist sympathisch und optisch reizvoll.

Grundsympathisch wirkte auch die Band Folkshilfe aus Kirchschlag bei Linz. Doch so nett die Englisch-Oberösterreichisch-Kombi des Textes von „Who You Are (Amoi so)“ und so originell das Mienenspiel des Gitarristen ist, diese Folk-Pop-Melange war offenbar sowohl der Jury als auch dem Publikum zu lauwarm. Oder war's das wenig siegessichere Auftreten?

An diesem mangelte es Celina Ann nicht, die auftrat wie der sprichwörtliche Kardinal, der als Papst ins Konklave geht. Sie kann gut schimpfen, das muss man ihr lassen. Und Stimme hat sie, gewiss. Dafür fehlte es ihrem Song „Utopia“ an Originalität, an Verve: „Powerballade“ nennt man dergleichen in Fachkreisen, ein ohnehin zweifelhaftes Genre, in dem inzwischen wohl schon ohne menschliche Beteiligung komponiert wird. Aber alles ehrenhaft, nichts zum Genieren.

Kabarettismus. Jenseits der Grenze zur Peinlichkeit waren nur Johann Sebastian Bass. Nein, es ist nicht lustig, sich Barockperücken aufzusetzen und mit Lidschatten zu kombinieren. Nein, es ist nicht witzig, zu erzählen, dass man aus der Zeitmaschine gestiegen ist. Das ist Kabarettismus, zwanghafte Blödelei, passend zum unangenehm spekulativen Elektropop dieses Trios. Und ob man wirklich den Vocoder, dieses Gerät, mit dem man eine Stimme zum Jaulen bringen kann, aus der Popvergangenheit holen soll, darüber müssen wir noch diskutieren.

Gut, dass sich Publikum und Jury gegen Perücken und für naturwüchsige Bärte entschieden haben. Der leicht schläfrige, aber nicht matte Song „I Am Yours“, mit dem The Makemakes antreten, mag stilistisch nicht repräsentativ für diese Band sein, zeitlos ist er, erinnert Alte an Leon Russell, Jüngere an Coldplay, und die Passagen mit Kopfstimme haben ihren eigenen Reiz. Im Gegensatz zu Conchita Wurst und ihrem „Rise Like A Phoenix“ wird diese Band, wird dieses Lied vom vor den Fernsehgeräten versammeltem Europa nicht als gesellschaftspolitisches Statement interpretiert, aber wohlwollend aufgenommen werden. Der Text sei als Hymne an die Freundschaft zu verstehen, erklärte die Band, egal ob zu einem Haustier oder zu Oma und Opa. Letzterer hat, raten wir einmal, auch in einer Rockband gespielt, damals in den seligen Siebzigern, mit Hymnen an die Freundschaft im Programm. Wenn nicht, dann soll man ihn trotzdem grüßen lassen.

Fakten

Der 60.Song Contest der Eurovision wird von 19. bis 23.Mai in der Wiener Stadthalle ausgetragen. Das Motto ist „Building Bridges“, das Logo eine leuchtende Kugel. Wien war schon 1967 – nach dem Sieg von Udo Jürgens – Austragungsort.

Es moderieren Alice Tumler, Arabella Kiesbauer, Mirjam Weichselbraun und Conchita Wurst.

40 Länder nehmen teil, darunter ist erstmals, aber nur einmalig, Australien. Nicht dabei sind heuer u.a. Luxemburg, Kroatien, die Ukraine und die Türkei.

Die Lieder müssen bis 16.März feststehen. Die außergewöhnlichsten Teilnehmer kommen wohl aus Finnland: die Punkband Pertti Kurikan Nimipäivät, von der drei Mitglieder das Down-Syndrom haben und einer Autist ist. Ihr Song dauert nur eineinhalb Minuten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.03.2015)