Musikalische Korrekturen aus höchster Position

Die Wiener Philharmoniker bewähren sich mehr und mehr als Schatzgräber und Anwälte der Moderne.

Zu den sympathischsten Eigenschaften Zubin Mehtas gehört seine Zuneigung zur österreichischen Musikgeschichte jenseits des Mainstreams. Der in Wien ausgebildete Maestro hat auch Partituren jener Komponisten studiert, die sich den „Fortschritts“-Doktrinen des 20.Jahrhunderts widersetzt haben.

Mit den Philharmonikern gelang ihm eine Pionieraufnahme der wunderbaren Vierten Symphonie Franz Schmidts, aber auch eine originelle TV-Version der „Philadelphia Symphonie“ Gottfried von Einems. Im jüngsten „Philharmonischen“ gab man nebst Bruckners Neunter und den abstrakt-bildhaften „Atmosphères“ von György Ligeti die „Alt-Wiener Serenaden“ des Schmidt-Zeitgenossen Joseph Marx. Der Grazer war als Lehrer eine der prägenden Persönlichkeiten des österreichischen Musiklebens der Nachkriegsära und pflegte selbst einen klangschwelgerischen, auch an den Errungenschaften der französischen Impressionisten geschulten, doch vorrangig aus wienerisch-symphonischen Quellen schöpfenden Stil.

Die „Serenaden“ kamen zur Feier des 100. Geburtstags der Philharmoniker 1942 in einem Festkonzert unter Karl Böhm zur Uraufführung. Aus Anlass der historischen Zelebration lehnt Marx sich in diesem Fall weniger an romantische als an barocke und klassische Vorbilder an, Haydn klingt an, Ziehrer, vielleicht Schubert – es sind eher Ahnungen als Zitate. Der Komponist malt mit dem feinen Pinsel: Das Werk hebt an wie das Arrangement einer barocken Suite, doch wenig später verfließen die Farben im prächtig aufgefächerten Instrumentalsatz: Es ist doch ein Kollege Erich Wolfgang Korngolds, der da agiert.

Das Finale ist eine herbe Kombination aus fugierter Gigue und einem Marsch; die „Serenaden“, die so etwas wie einen Spaziergang durch die wienerische Musikgeschichte darstellen, enden in herben Molltönen. Wer also die Nase darüber rümpft, wenn ein Werk aus dem Jahr 1942 ausgegraben wird, sollte genauer zuhören...

Dass die Philharmoniker Ligeti, Marx, Bruckner einträchtig versammeln, stimmt froh: Sie können aus ihrer höchsten Beobachterposition Licht ins Dunkel bringen: Von Korngold bis Franz Schmidt, Marx und von Einem, Zemlinsky oder Egon Wellesz gäbe es allerhand auszugraben, was dem Publikum – im Falle dieser „Alt-Wiener Serenaden“ war es evident – auch Freude bereiten kann.

E-Mails an: wilhelm.sinkovicz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.03.2015)

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