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Klimawandel: "Ich habe die Risken unterschätzt"

Ökonom Nicholas Stern erhielt in Wien den Schumpeter-Preis.(c) EPA
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Lord Nicholas Stern ist der berühmteste Ökonom des Klimawandels. Sein Stern-Report von 2006 beeinflusst weiter die Politik. Aber wie denkt er heute selbst über sein großes Thema?

Die Presse: Der Stern-Report war weder die erste noch die letzte Studie über die Ökonomie des Klimawandels. Warum wurde gerade er so berühmt und heiß diskutiert?

Nicholas Stern: Ehrlich gesagt wurde ich selbst von der Resonanz überrumpelt. Aber lassen Sie mich spekulieren: Was man gegen den Klimawandel tun kann, war bis dahin eine akademische Diskussion unter Ökonomen. Unser Bericht machte die breite Öffentlichkeit darauf aufmerksam. Es ging uns nicht so sehr um die Quantifizierung der Schäden. Ich habe das als Politikberater geschrieben, nicht als Umweltaktivist. Starke Maßnahmen rechnen sich, das wollte ich mit Zahlen zeigen.

 

Hat Sie auch die lebhafte Kritik mancher Kollegen überrascht?

Der Bericht hat 700 Seiten, da hätte man schon ein paar schwerere Fehler erwarten können. Aber soweit ich weiß, hat niemand etwas grundlegend Falsches gefunden.

 

Manche werfen Ihnen vor, Sie hätten bei allen Annahmen immer die pessimistischste gewählt, also die giftigen Rosinen herausgepickt.

Das Gegenteil ist wahr: Ich habe die Risken deutlich unterschätzt. Seitdem die Menschen sesshaft sind, hat die Temperaturänderung im globalen Schnitt ein Prozent betragen. Jetzt steuern wir auf einen Anstieg von vier Grad zu. Das hat es seit 20 Millionen Jahren nicht gegeben. Ein großer Teil des Polareises würde schmelzen. Wirbelstürme, Wüstenbildung, Massenflucht und Konflikte, die daraus entstehen: Viele Folgen fehlen in den meisten Modellen. Die erwähnte Sicht ist also irreführend. Die Frage der Abzinsung künftiger Schäden ist viel interessanter.

 

...aber für Nichtökonomen schwerer zu verstehen. Worum geht es dabei? [Anm.: siehe auch Artikel unten.]

Die Emissionen von heute beeinflussen sehr wahrscheinlich massiv die Lebensgrundlagen von Menschen, die erst geboren werden. Das ist ein ethisches Problem. Wir müssen dazu das Kalkül anpassen. Üblicherweise zinsen wir mit Sätzen ab, die zu stetig wachsenden Volkswirtschaften passen. Wenn ich davon ausgehen kann, dass es meinen Kindern in einigen Jahrzehnten viel besser gehen wird als uns heute, dann muss sich ein Euro, den ich heute für sie sparend opfere, schon sehr stark lohnen. Das ist Standardökonomie, obwohl es eine ethische Position ist. Jetzt zum Klimawandel: Durch unsere Entscheidungen legen wir fest, um wie viel ärmer künftige Generationen sein werden. Das kann man nicht wie üblich abzinsen. Das ist schlechte Ökonomie.

 

Meist zinsen wir einfach nach der Zeit ab: Das Geld von morgen ist uns heute weniger wert.

Die reine Abzinsung nach der Zeit ist hier Diskriminierung nach dem Geburtsdatum. Was bedeutet es, wenn Sie mit zwei Prozent abzinsen? Dass ein Mensch, der 35 Jahre später geboren wird als Sie, gesellschaftlich nur halb so viel wert ist. Ich kann nicht sehen, wie man das argumentieren will.

 

Für Sie ist der Klimawandel „das größte Marktversagen, das wir jemals gesehen haben“. Ist es im Rahmen des Kapitalismus überhaupt zu beheben?

Wir können es im Kapitalismus lösen – und wir müssen es auch. Ich habe ein tiefes Misstrauen gegenüber den Alternativen. Wir haben sie getestet, und sie sind gescheitert. Eine Marktwirtschaft muss immer Marktversagen überwinden. Wir wissen ziemlich gut, wie das geht. Wenn Dinge sehr schädlich sind, werden sie reguliert. Denken Sie an Blei im Benzin oder an das Rauchen. Da hat es auch funktioniert. Gegen den Klimawandel helfen CO2-Steuern, mehr Energieeffizienz, Innovation. Die Idee, dass es im Kapitalismus nicht geht, ist einfach ungereimt und falsch.

 

Verträgt sich der Kampf gegen den Klimawandel mit dem Wachstum, mit dem wir vor allem in den Schwellenländern rechnen?

Absolut! Nicht verträglich mit dem Wachstumspfad ist es vielmehr, wenn wir mit fossilen Ressourcen weitermachen. Die CO2-arme Wirtschaft ist die einzige seriöse Wachstumsstory im Angebot. Und weil wir in Wien sind: Es geht um dynamischen Wandel, ganz im Geiste Schumpeters. Dampfmaschine, Eisenbahn, Elektrizität, Massenproduktion, Digitalisierung– jeder technologische Umbruch löst Wellen von Innovation, Investitionen und Wachstum aus.

 

Ist der fallende Ölpreis eine zusätzliche Gefahr?

Er ist eine echte Chance! Jetzt ist der politisch richtige Moment, um CO2-Steuern einzuführen, weil es einfach leichter geht. Indonesien und auch China haben die Gelegenheit schon genutzt.

 

Soll die Höhe einer künftigen CO2-Steuer an den jeweils aktuellen Ölpreis gekoppelt werden?

Nein. Der Schaden, den wir anderen Menschen durch das Verbrennen eines Fasses Öl zufügen, ist ja immer der gleiche.

 

Alle Klimakonferenzen waren Misserfolge. Warum sollte es in Paris anders sein?

Wir müssen anerkennen, wie politisch schwierig das Thema ist. Es geht um Unsicherheit und Umgang mit Risiko. Das können wir Menschen nicht gut. Wenn ein Kind vor ein Auto läuft, handeln wir schnell. Aber hier passieren die Folgen viel später. Und es geht immer um die globale Summe an Emissionen. Dafür ist es erstaunlich, wie weit wir schon gekommen sind. Wir haben klare, ehrliche Reduktionsziele bis 2030 in Europa. Auch in China und den USA tut sich einiges. Es geht aber bei Weitem nicht schnell genug. Eine Begrenzung auf zwei Grad ist wohl nicht mehr zu schaffen. Aber wir müssen uns in Paris auf ein Ziel einigen, das möglichst nah herankommt.

 

Ist der europäische Markt für Emissionsrechte gescheitert?

Es gibt dabei keinen Denkfehler. Er funktioniert nicht, weil er schlecht gemanagt wird. Wir haben in der Rezession viel zu viele Zertifikate ausgegeben. Man muss kein Professor sein, um sich ausrechnen zu können, dass dann der Preis in den Keller geht. Aber ob Emissionsrechte oder Steuern – das ist nicht so wichtig. Entscheidend ist, dass der Preis hoch genug, glaubwürdig und steigend ist.

 

Kann Europa vorangehen, ohne Marktanteile zu verlieren?

Wir würden Marktanteile gewinnen! Die Leute fangen an, ihre Augen über den Tellerrand der Rezession zu heben, und sehen das gewaltige Potenzial. Der Euro hat zum Dollar stark abgewertet. Die Zinsen sind für lange Zeit niedrig. Ein höherer Preis für bestimmte Arten von Energie ist im Vergleich dazu eine winzige Sache. Und er eröffnet die Möglichkeit für Innovation. Der Markt für grüne Technologien ist schon groß. Und er wird riesig.

ZUR PERSON

Nicholas Stern (68) ist ein britischer Ökonom. Er arbeitet als Chefökonom der EBRD und der Weltbank. Als Berater der britischen Regierung leitete er 2006 die Erstellung des Stern-Reports, der bisher größten und einflussreichsten Studie zur Ökonomie des Klimawandels. Am Freitag wurde Lord Stern in Wien der Schumpeter-Preis verliehen. Stern ist ein großer Anhänger des österreichischen Ökonomen Joseph Schumpeter.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.03.2015)