Der künstlerische Leiter der Salzburger Osterfestspiele vor Probenbeginn über die „Opernzwillinge“ von Mascagni und Leoncavallo, gewinnbringende Probenarbeit und die Zukunft des Festivals.
Am Tag vor der ersten Orchesterprobe für die neue Salzburger Osterfestspiel-Produktion ist Christian Thielemann voller Tatendrang: „Ich liebe Sitzproben“, sagt er, „ohne vorher mit den Sängern am Klavier gearbeitet zu haben. Dann werden wir ja sehen, was alles auseinanderfällt und womit wir hinterher noch ins Klavierzimmer gehen müssen.“
So spricht der gelernte Opernkapellmeister, der in seinen frühen Tagen viele Repertoirevorstellungen unterschiedlichster Werke ganz ohne vorausgehende Proben abwickeln musste. Das Dirigierhandwerk lernt man auf diese Weise wohl am allerbesten. Wobei Thielemann für die diesjährigen Osterfestspiele die veristischen „Opernzwillinge“ von Mascagni und Leoncavallo, „Cavalleria rusticana“ und den „Bajazzo“, gewählt hat – und die Partituren dieser viel gespielten Stücke noch einmal genau studiert hat.
Handwerk, mit Geschmack ausgeführt
„Es ist erstaunlich“, sagt er, „wie viele Freiheiten sich die meisten Interpreten nehmen.“ Womit wir wieder beim Atem der Sänger sind und der Frage, wie weit ein Kapellmeister diesbezüglich nachzugeben hat. Eine ehrliche Interpretation ist wohl immer eine Mixtur aus dem, was in der Partitur geschrieben steht, und dem, was sich an Aufführungstradition über die Jahrzehnte hin angereichert hat – was nicht unbedingt in Bausch und Bogen zu verwerfen ist.
„Ich möchte auf jeden Fall gleich morgen bei der Probe ein paar Sachen ausprobieren, die nie so gespielt werden, wie Mascagni sie aufgeschrieben hat: Ich möchte das jedenfalls einmal so versuchen, wie es da steht. Dann werden wir sehen, ob wir uns an die Buchstaben halten oder an die Tradition.“
Über diese Querständigkeit hat sich Thielemann ausführlich mit Riccardo Muti unterhalten, der ja als besonders akribischer Sachwalter des Notentextes gilt: „Fare con gusto“ war dessen Ultima Ratio, Geschmack muss ein Interpret also haben, „es geht ja nicht darum, dass jeder hohe Ton, der nicht aufgeschrieben steht, verboten ist!“.
Um den interpretatorischen Geschmack sei es wohl auch Gustav Mahler zu tun gewesen, wenn er gegen bestimmte Traditionen ankämpfte. „Man muss versuchen, dahinterzukommen, warum gewisse Dinge so gemacht werden, wie sie nun mal gemacht werden.“ Dort, wo es mit Schlamperei zu tun hat, soll man sie auch wieder ausmerzen. Dass „Cavalleria“ und „Bajazzo“ bei Thielemann fein neu herausgeputzt erscheinen werden, dürfte jedenfalls feststehen.
Für den Dresdner Generalmusikdirektor ist das italienische Repertoire jedenfalls kein Neuland, wie es scheinen mag, weil den beiden großen „Richarden“, Wagner und Strauss, zuletzt der Löwenanteil seiner Opernabende galt. Italienisches, vor allem aus der „veristischen Ecke“, gehört zu Thielemanns Steckenpferden: „Endlich komme ich mal wieder dazu: Da ist nicht alles metaphysisch kompliziert, die Dinge sind verhältnismäßig einfach gestrickt, da brechen einfach die Leidenschaften hervor – und es sind, bei einem ungeheuren Melodienreichtum, so richtige Sängerstücke – wunderbar, wenn man eine so hervorragende Besetzung hat, wie wir in Salzburg. Es muss ja nicht immer Wagner sein“, sagt er mit Blick auf die von Karajan begründete Osterfestspiel-Tradition, wobei die beiden Jubiläumsjahre, die folgen – 2016 die 50.Osterfestspiele, 2017 der 50.Jahrestag der ersten Premiere –, mit Sicherheit dem typischen „Karajan-Repertoire“ geweiht sein werden: Auf Verdis „Otello“ (2016) folgt zum „Geburtstag“ wohl wieder Wagner. (1967 gab man zum Einstand „Die Walküre“.)
Einst läutete er die Gralsglocken
Dafür könnten die Konzertprogramme hinfort auch spannende Entdeckungen enthalten. Entdeckungen für das Publikum und für den musikalischen Leiter, der sich mit dem Komponisten und ehemaligen Sommerfestspiel-Intendanten Peter Ruzicka einen Vertrauten in die österliche Führungsriege geholt hat: „Mit ihm kann man wirklich auf hohem Niveau sprechen, weil er wie ein wandelndes Lexikon ist und sich unglaublich gut auskennt. Es ist gut, wenn man nicht immer im eigenen Saft kocht, Anregungen bekommt und richtig verwertet.“
Es müsse ja bei Festspielen um die richtige Mischung aus „Bewahren und Erneuern“ gehen. Wobei er durchaus das Gefühl habe, dass ihm Festspiel-Gründer Karajan dabei über die Schulter schaue: „Das ist wie mit Wolfgang Wagner in Bayreuth. Ich sage Katharina Wagner immer: Dein Vater guckt zu und meint, setz mir das nicht in Sand!“
Als Assistent Herbert von Karajans hat Thielemann übrigens zu Ostern in Salzburg bei jenem Festival, das er jetzt leitet, seine ersten Erfahrungen sammeln dürfen „und unglaublich viel mitgenommen“, wie er bekennt. In Karajans „Parsifal“-Produktion war es Thielemann, der die Gralsglocken läutete: „Das war eine Computeranimation, die via Keyboard gespielt werden konnte. Es waren die besten Glocken, die ich je gehört habe. Wir haben sie bei meiner ,Parsifal‘-Aufführung dann auch wieder verwendet!“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.03.2015)