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Grätzeltour: Die Brigittenau legt zu

Köchin und Buchautorin Bianca Gusenbauer zog vor zehn Jahren in die Nähe des Hannovermarktes, der erst langsam entdeckt wird.

Nicht so sehr“ gefallen ihr die vielen grauen Wohnbauten, die das Stadtbild der Brigittenau prägen. „Und manchmal nervt mich, dass es hier schon ziemlich schmutzig ist.“ Sehr gut hingegen gefällt Bianca Gusenbauer die zentrale Lage ihrer Wohnung in der Klosterneuburger Straße. „Man ist gleich im ersten Bezirk, am Donaukanal, im Augarten. Das Brigittenauer Bad ist auch ums Eck. Für sportliche Menschen wie mich ist die Gegend hier optimal.“ Die gebürtige Mühlviertlerin, Köchin und Buchautorin fühlt sich in der Brigittenau wohl: einem Bezirk, der vielen Wienern fremd ist, der als grau und unattraktiv empfunden und oft nur als „Ausläufer der Leopoldstadt“ betrachtet wird. Tatsächlich ist der 20. Bezirk zwischen Donau, Donaukanal und Augarten vor allem eines: eine Melange verschiedenster Kulturen, ein Ethnodorf mitten in Wien.

Kebab und Klobasse

Der türkische Frisör in der Klosterneuburger Straße, der Cevapcici-Grill in der Gerhardusgasse, der pakistanische Supermarkt an der Ecke: Sie alle tragen zum Flair der Brigittenau bei. Bei ihnen ist Gusenbauer Stammkundin. „Wir wissen diese Vielfalt oft gar nicht zu schätzen”, meint die 38-Jährige. Die Vielfalt spiegelt sich auch auf dem Hannovermarkt wider. Entlang der Hannovergasse verläuft er von der Gerhardusgasse bis zur Othmargasse. Mit seinen nur drei Ladenzeilen ist der Markt noch wenig bekannt und gilt nicht zuletzt deshalb als günstigster in Wien. Obst und Gemüse, Fisch und Fleisch, Schafkäse, Oliven, Fladenbrot und den angeblich billigsten Kebab-Burger der Stadt bekommt man hier von serbischen, türkischen, russischen und heimischen Anbietern. Im Mittelpunkt steht Fleisch. Wer Bioprodukte sucht, wird hier nicht fündig. Im Gegensatz zum Naschmarkt oder dem immer hipper werdenden Meidlinger Markt ist auch die Gastronomie noch bescheiden – bis auf ein Lokal namens Hannovermarkt-Catering. Mindestens einmal pro Woche ist Gusenbauer da, zumindest samstags zum Bauernmarkt. Und sie muss auch viel einkaufen, schließlich sind Lebensmittel ihr Geschäft. Als Privatköchin bekocht sie Kunden in deren Wohnungen, bietet Kochkurse an, schreibt Kochbücher. Gemeinsam mit der Lebensmitteltechnikerin Elisabeth Buchinger veranstaltet sie kulinarische Spaziergänge: „Sinnestouren“ führen vom Hannovermarkt über den Donaukanal. „Wir wollen auch einen Brückenschlag zwischen dem schicken neunten und dem vielleicht nicht so schicken 20. Bezirk schaffen. Ich finde es stadtpolitisch spannend, dass zwei so unterschiedliche Bezirke nebeneinanderliegen.“ Gusenbauer kennt beide, zog sie doch vor zehn Jahren von der einen Seite des Donaukanals auf die andere, vom Alsergrund in die Brigittenau. Das war damals ein kleiner Kulturschock. „Ich fand die Gegend zunächst irgendwie komisch. Die Häuser waren zum Teil recht heruntergekommen, ohne Gegensprechanlagen. Das hat sich in den vergangenen Jahren gebessert.” Dennoch: „Viele Leute kommen vom neunten einfach nicht in den 20. herüber. Es ist fast wie eine psychologische Barriere.“ Sie hat diese aus praktischen Gründen überwunden: „Die Gegend war preislich erschwinglich. In der Wohnung war außerdem eine nagelneue Dan-Küche. Das war ausschlaggebend für meinen Einzug.“
Die Mietpreise haben sich zwischenzeitlich geändert. Die Brigittenau wird immer beliebter und soll neben der Donaustadt in den nächsten Jahren einer der am stärksten wachsenden Bezirke sein. Ein Grund dafür: die Neugestaltung rund um den Nordwestbahnhof. Ein anderer: die vielen Dachgeschoßausbauten, gerade in Augartennähe. Und die Preise, wenn auch über die Jahre gestiegen, sind nach wie vor ein Argument. „Mehr Jungfamilien ziehen hierher. Speziell, wenn man samstags auf dem Markt unterwegs ist, sieht man die Veränderung.“ Verändert hat sich zuletzt auch der Altbau, in dem Gusenbauer wohnt: „Ich habe seit Kurzem eine Gegensprechanlage. Heute hat sie zum ersten Mal geläutet.“

Zum Bezirk, zur Person

Sinnestouren mit Bianca Gusenbauer und Elisabeth Buchinger: mehrmals im Monat; nächster Termin: 26. 3., Gusenbauer ist zudem als Privatköchin tätig und gibt Kochkurse: www.biancaisst.com
Der Quadratmeter in einer neuen Eigentumswohnung im 20. Bezirk kostet durchschnittlich 3242 €, in einer gebrauchten 2286 €, die Miete/m2 liegt bei rund 8,25 €. [ Quelle: Immobilienpreisspiegel WKO ]