Rauriser Literaturtage. Die diesjährige Preisträgerin, die aus dem Erzählband „Wir haben Raketen geangelt“ las, erwies sich in der Diskussion als schlagfertig. Das Festival ist 2015 zwei- oder mehrsprachigen Autoren gewidmet, etwa aus Istanbul, Iowa, Prag. Schwere Kost, auch leicht verpackt.
Karen Köhler, Preisträgerin des Rauriser Literaturpreises 2015, kommt entweder zu spät oder gar nicht. Vor dem Bachmann-Preis 2014 bekam sie Windpocken und musste ihre Teilnahme deshalb absagen. Zur Eröffnung der Rauriser Literaturtage, die am vergangenen Mittwoch stattgefunden hat, konnte sie wegen einer Terminkollision nicht rechtzeitig anreisen. Wenn sie aber da ist, dann ist sie sehr präsent und begeistert das Publikum mit ihrem Charme, ihrem Witz und ihrer Spontaneität.
Am Freitag eröffnete Köhler die „Gespräche über die Literatur“ mit Studierenden der Universität Salzburg. Auf die Frage, wie sie ihren Erzählungsband „Wir haben Raketen geangelt“ (Hanser, 2014) charakterisieren würde, sagte sie lakonisch: „Schwere Kost, leicht verpackt.“ Die berüchtigte Frage, wie autobiografisch ihre Texte seien, konterte sie mit: „Es war sehr hart, als ich in Sibirien gestorben bin.“ Eine würdigere Preisträgerin für Rauris als die 1974 in Hamburg geborene Schauspielerin, Illustratorin, Performance-Künstlerin, Theaterautorin und Schriftstellerin Karen Köhler ist kaum vorstellbar.
Am Abend davor fand die traditionelle Veranstaltung auf der über 1500 Meter gelegenen Heimalm oberhalb von Rauris statt. Das diesjährige Literaturfestival steht unter dem Motto „Mehr.Sprachen“. Deshalb wurden vorwiegend Autoren eingeladen, die die Welt aus dem Blickwinkel mehrerer Sprachen sehen, denn Sprache beeinflusst unsere Sichtweise auf die Welt.
Bewundernswert die Regie der Programmleiter Ines Schütz und Manfred Mittermayer. Mit der Austrotürkin Seher Çakir, der Austroamerikanerin Ann Cotten und dem Böhmen Jaroslav Rudiš traten drei zweisprachige Autoren in der richtigen Reihenfolge auf. Seher Çakir (*1971), die mit zwölf von Istanbul nach Wien verpflanzt wurde, berichtete etwa über ihr Erschrecken vor weiblichen Achselhaaren in Österreich. Eine Frau in der Türkei hat unbehaart zu sein – und zwar überall. Auch eine Art Kulturschock wäre für sie die Fahrt mit der Seilbahn auf die Alm gewesen. Deshalb organisierte sie sich stattdessen eine Pistenraupe.
Ann Cotten, 1982 in Iowa geboren und in Wien aufgewachsen, von der Kritik hochgelobt, schreibt anspruchsvolle, assoziative Literatur. Sie fordert dem Publikum einiges ab: „Literatur ist nicht unbedingt zur Unterhaltung da.“ Für sie geht es in der Sprache um Magie, um Beschwörung. Sie möchte zeigen, wie viel Dichtung mit Delirium zu tun hat. Nach der Lesung einiger ihrer Gedichte und kurzer theoretischer Texte entschuldigte sie sich beim Publikum quasi für ihre „Verrücktheit“ und weckte damit Assoziationen an die Art brut der Gugginger Künstler.
In der Tradition eines Jaroslav Hašek
„Wenn ich auf Deutsch schreibe, trinke ich kein Bier und bin viel konzentrierter“, witzelte der 1972 in Turnov geborene Jaroslav Rudiš. Er las aus seinem neuen Roman „Vom Ende des Punks in Helsinki“, in dessen Mittelpunkt ein Konzert der Toten Hosen 1987 in der damaligen ČSSR steht. Rudiš bewies damit, dass er ganz in der Tradition eines Jaroslav Hašek steht, nur dass es bei ihm nicht um den indirekten Widerstand des Soldaten Schwejk, sondern um die Absurditäten der Konfrontation der Kulturen von Ost und West geht. Das Publikum erlebte einen außerordentlich atmosphärischen Abend.
Dass experimentelle Literatur sehr gut mit dem Begriff Heimat zusammengeht, versuchte der 1953 geborene Oberösterreicher Erwin Einzinger Grazer Studierenden nachzuweisen. Er bekannte sich einerseits dazu, in der Tradition der Wiener Gruppe zu stehen, wollte andererseits nicht akzeptieren, dass sich H. C. Artmann als „deutscher Schriftsteller“ bezeichnete.
Dass es mit staatsbürgerlichen Zuschreibungen mitunter schwierig sein kann, hatte davor schon Ilma Rakusa (*1946) deutlich gemacht. Die in der Slowakei als Angehörige der dortigen ungarischen Minderheit Geborene wuchs in Triest auf und lebt heute, wenn sie nicht gerade auf Reisen ist, in der Schweiz. Wohin gehört sie also?
Die Besonderheit des Festivals in Rauris ist die Einbeziehung der regionalen Bevölkerung, also der Mut der Veranstalter, den Einheimischen auch sperrige Texte zuzumuten. Dass dies funktionieren kann, beweisen die Rauriser Literaturtage heuer zum 45. Mal.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.03.2015)