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Die Profiteure der Sonnenfinsternis

Sonnenfinsternis im Olympiapark Sonnenfinsternis im Olympiapark Muenchen 20 03 2015 im Bild Jeny Y
(c) imago/Plusphoto
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Das Netz hat gehalten, das Blackout ist ausgeblieben. Verdient haben an der Sonnenfinsternis vor allem deutsche Kohle- und Gaskraftwerke. Sie konnten Strom zum doppelten Preis verkaufen. Für sie nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Wien. Europa hat die erste Sonnenfinsternis im Zeitalter flächendeckender Solarenergie gut überstanden. Die Stromnetzbetreiber konnten den plötzlichen Leistungsabfall von zigtausenden Fotovoltaikanlagen gut ausgleichen. Der befürchtete Kollaps der Stromnetze blieb aus. Für die Netzbetreiber war der gestrige Vormittag ein großer und erfolgreicher Testlauf für die nächsten Jahre – für manch andere ein hoch lukratives Geschäft.

Gemeint sind dabei nicht jene findigen Händler, die Drei-Euro-Schutzbrillen für 50 Euro im Internet verhökert haben. In den zwei Stunden Sonnenfinsternis haben vor allem alte deutsche Kohle- und Gaskraftwerke hervorragend verdient. Seit der letzten großen Sonnenfinsternis über Europa im Jahr 1999 hat sich die Energielandschaft radikal verändert. Waren damals kaum Solarkraftwerke installiert, so steht heute allein in Deutschland ein Drittel der 81 Gigawatt starken Fotovoltaikanlagen des Kontinents. Am Freitagvormittag brachen allein in Deutschland binnen weniger Minuten neuntausend Megawatt an Solarleistung weg. Die Betreiber mussten – deutlich schneller als beim Wechsel von Tag auf Nacht – fossile Kraftwerke hochfahren, um das Netz zu stabilisieren.

 

Preis steigt um 123 Prozent

Diesen Dienst haben sich die alten Energieversorger vergolden lassen. Zum Höhepunkt der Sonnenfinsternis sprang der Preis für eine kurzfristig verfügbare Megawattstunde Elektrizität an der Strombörse Epex um 123 Prozent auf 89 Euro. Eine Megawattstunde „normale“ Grundlast für den gesamten Freitag kostete dagegen nur 35 Euro. „Alles funktioniert gut“, sagte Johannes Päffgen, Energiehandelsleiter bei Next Kraftwerke. „Kein einziges Preislimit der Börse wurde erreicht.“

Teuer war die Sonnenfinsternis für Stromkunden aber allemal. Allein die deutschen Netzbetreiber bezahlten 3,5 Millionen Euro, um sich ausreichend Reserveenergie zu sichern. Auch der österreichische Stromkonzern Verbund konnte da ein wenig mitverdienen. Zu Beginn der Sonnenfinsternis konnten die Pumpspeicher in den Alpen rund 500 Megawatt der fehlenden deutschen Solarenergie ausgleichen, berichtet der österreichische Stromnetzbetreiber APG. Der Großteil des Kuchens landete jedoch bei den alten fossilen Energieriesen in Deutschland, die ihre Kohle- und Gaskraftwerke angeworfen und so in wenigen Minuten Millionen verdient haben.

 

„Klimabeitrag“ für Kohlekraftwerke

Viel mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein ist das für die angeschlagenen Veteranen der Branche aber nicht. Die hohen Subventionen für Ökostrom machen es derzeit de facto unmöglich, mit neuen fossilen Kraftwerken Geld zu verdienen. Das Gaskraftwerk im steirischen Mellach, das, im Vorjahr frisch gebaut, gleich eingemottet wurde, ist nur ein Beispiel dafür. 2014 haben Europas Energiekonzerne fossile Kraftwerke mit einer Leistung von 13 Gigawatt (GW) außer Betrieb genommen – der höchste Wert seit Beginn der Aufzeichnungen vor sechs Jahren. Auch hierzulande wurden fossile Kraftwerke geschlossen. Der größte deutsche Stromkonzern, E.On, hat sein Altgeschäft vom „grünen“ Geschäft abgespaltet und fossile Kraftwerke mit 3,3 GW Leistung vom Netz genommen.

Ein Ende ist nicht in Sicht. Mit schärferen Klimaregelungen will der deutsche Bundeswirtschaftsminister, Sigmar Gabriel (SPD), den kompletten Ausstieg aus der Kohlekraft vorantreiben. Ab 2017 sollen Stromkonzerne einen „Klimabeitrag“ bezahlen, wenn ihre Kohlekraftwerke zu viel CO2 ausstoßen. Je älter das Kraftwerk, desto weniger darf es emittieren. Sollte dieser Plan durchgehen, ist ein weiterer Rückzug der fossilen Kraftwerke programmiert. Zumindest E.On will nicht mehr lang zuwarten, sagte ein Sprecher. Man werde „sofort reagieren“, sobald weitere Kraftwerke beginnen, Geld zu verlieren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.03.2015)