Irlands Weg aus Krise: "Kein keltischer Tiger ohne US-Konzerne"

People walk past a bank in Dublin
People walk past a bank in DublinREUTERS
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Warum kam Irland schnell aus der Krise? Ist das irische Geschäftsmodell unfair? Ökonom Dan O'Brien sollte es wissen.

Wie hat es Irland geschafft, sich viel rascher zu erholen als Spanien und Portugal – von Griechenland ganz zu schweigen?

Dan O'Brien: So schnell waren wir gar nicht. Die Rezession begann schon 2007, früher als in den anderen Ländern. Die Erholung ging rascher als in Südeuropa, aber sie dauerte länger als in den baltischen Staaten. Daran zeigt sich: Je offener eine Volkswirtschaft ist, je mehr sie exportiert, desto leichter kommt sie aus der Krise. Die geschlossenste Wirtschaft aller Krisenländer hat Griechenland. Dazu kommt: 90 Prozent unserer Exporte kommen nicht von einheimischen Firmen, sondern von Töchtern globaler Konzerne, meist aus den USA. So etwas gibt es in keinem anderen Industrieland. Die großen Pharmakonzerne, Google, Facebook – sie alle steuern von Irland aus ihr Europageschäft, viele auch das in Afrika und im Nahen Osten. Da geht es um die innovativsten Sektoren und die profitabelsten Konzerne. Das hilft.


Warum haben die Iren nicht gegen Sparkurs und Troika protestiert?

Wir haben keinen starken Klassenkonflikt. Die soziale Kohäsion ist stark. Seit wir in den Zwanzigerjahren unabhängig geworden sind, dominieren Parteien der Mitte. In Österreich haben Sie große linke und rechte Parteien, dazu Forschungsinstitute, die ihnen nahestehen und das System hinterfragen – das gibt es bei uns nicht. Seltsamerweise gab es Ende vorigen Jahres doch noch einen Massenprotest, gegen die Einführung von Wassergebühren. Dabei ist das von allen Sparmaßnahmen die logischste: Ich kenne kein OECD-Land, in dem man nicht für Wasser zahlt. Gerade das hat Widerstand ausgelöst. Davon waren alle überrascht.

Zeigt das Beispiel Irland, dass Sparen in der Krise doch hilft?

Leute wie Paul Krugman sagen: Sparpolitik wirkt nicht, schaut euch Griechenland an. Deutsche Ökonomen sagen: Man muss sparen und es funktioniert, schaut euch das Baltikum an. Die empirischen Belege geben aber keiner Seite das Recht zu starken Behauptungen. Offensichtlich ist nur: Man kann stark konsolidieren und am Ende doch wieder wachsen. Aber nehmen wir an, Irland hätte sein Defizit statt in vier erst in zehn Jahren reduziert und sich dafür mehr Geld von Europa und dem IWF geborgt: Wären wir dann rascher aus der Krise gekommen? Hätte das Wachstum von selbst die Lücke geschlossen? Das kann man unmöglich sagen. In der Austeritätsdebatte ziehen viele Ökonomen ihre Schlussfolgerungen nicht aus den Daten, sondern aus ideologischen Vorurteilen.

Hätte es Irland mit einer eigenen Währung leichter gehabt?

Eine Währungsordnung ist wie eine Ehe: Sie ist nie perfekt. Viele in der Eurozone denken: Wie schön war es, als wir noch unsere eigene Währung abwerten konnten, ganz schmerzfrei. Aber das ist es nie. Die Leute werden nämlich arm dabei, weil die Importpreise steigen. Umso mehr in einem kleinen Land wie Irland, das die meisten Konsumgüter einführen muss. Und was die Exporte betrifft: Großbritannien hat in der Krise das Pfund um ein Drittel abgewertet. Nach der Theorie hätten dann die Ausfuhren stark steigen müssen. Taten sie aber nicht. Es gab keine Korrelation. Die Idee, dass man außerhalb des Euro in der Krise besser dran ist – die ergibt keinen Sinn.


Fast 200.000 Iren haben in der Krise das Land verlassen, viele von ihnen hoch qualifiziert. Ist das nicht ein großes Problem?

Wir haben eine lange Tradition der Auswanderung. Irland ist das einzige Land der Welt, das heute weniger Einwohner hat als Anfang des 19. Jahrhunderts! Der Braindrain ist auf kurze Sicht ein Verlust, aber langfristig profitieren wir davon. Es gibt einen großen Pool gut ausgebildeter Iren in aller Welt. Wo sich Möglichkeiten auftun, nutzen sie diese. Wer zurückkommt, denkt globaler, weniger eng. Unsere US-Multis stellen fast nur Leute mit internationaler Erfahrung an. Bei Google Irland kommen sie aus 140 Ländern. Da fühlt man sich wie bei der UNO.

War der keltische Tiger in den Neunzigerjahren ein Werk der US-Multis?

Irland begann schon bald nach dem Krieg, ausländische Direktinvestitionen anzuziehen. Zu Zeiten, als Länder wie Österreich noch ganz auf verstaatlichte Industrie und Unternehmen in heimischer Hand setzten. Die Neunzigerjahre waren dann weltweit das Jahrzehnt der Globalisierung. Irland war in einer guten Startposition, um daraus spektakulär Nutzen zu ziehen. Das Zehn-Prozent-Wachstum, das wir sieben Jahre hindurch hatten, kam von den multinationalen Konzernen.

Was macht Irland so attraktiv für US-Firmen? Die niedrigen Steuern, oder?

Es gibt auch andere Gründe. US-Firmen wollen eine Basis für ihre europäischen Geschäfte, wo alle Englisch sprechen. Irland liegt für sie günstig, als das westlichste Land Europas. Und die Rahmenbedingungen sind gut: keine Korruption, wenig Regulierung und wenig Bürokratie. Nicht wie in Italien, wo man 50 Lizenzen braucht, um eine Bäckerei aufzumachen. Aber die Steuersache ist ganz wichtig. Ich schätze ihre Bedeutung auf 40 Prozent.

Sind die niedrigen Unternehmenssteuern nicht unfairer Wettbewerb?

Der Körperschaftsteuersatz von 12,5 Prozent ist klar und transparent. Zwischen den US-Staaten gibt es auch Steuerwettbewerb.

Irland nutzt die Vorzüge der EU. Zugleich verschafft es Firmen von außerhalb der Union einen Wettbewerbsvorteil...

Wir sind eine Insel am Rand des Kontinents, die immer ärmer war als der Rest Westeuropas. Und wir wären heute noch relativ arm, hätten wir nicht Auslandsinvestitionen angelockt. Man braucht Wege, um die Nachteile der Randlage auszugleichen. Würde Griechenland einen Satz von fünf Prozent einführen, würde ich sagen: viel Glück! Denn die Griechen brauchen dringend Wachstum, und davon profitieren alle.

Wenn Unternehmenssteuern überall in Europa so niedrig wäre, könnten wir unser Sozialsystem nicht mehr finanzieren.

Die meisten OECD-Länder haben ihre Steuersätze für Unternehmen gesenkt. Aber die Einnahmen daraus sind gestiegen. Es gibt keine Abwärtsspirale.

Was ist mit Konstrukten wie Double Irish, durch die Firmen fast keine Steuern zahlen?

Das ist etwas ganz anderes! Wenn man Firmen hilft, Steuern zu vermeiden, unterminiert man die Argumente für eine niedere Körperschaftsteuer. Unsere Regierung hat das Schlupfloch zwar geschlossen. Aber sie gewährt eine Übergangszeit von fünf Jahren. Das ist zu lang. Wir sollten nicht auf Druck reagieren, sondern Eigeninitiative zeigen. Wir stehen als Regelbrecher und schlechtes Mitglied der Gemeinschaft da. Das schadet dem Image sehr. Wenn ein kleines Land auf der Titelseite der „Financial Times“ steht, hat das immer schlimme Gründe. Und wir sind da schon zu oft draufgestanden.

Werden nun Firmen Irland verlassen?

Das Risiko besteht, wenn es Alternativen gibt. Aber der Druck nimmt zu. Auch Luxemburg und Holland haben ihre Schlupflöcher geschlossen. Also: Die Zukunft der irischen Wirtschaft sehe ich deshalb nicht auf dem Spiel.

Zur Person

Dan O'Brien ist seit 2013 Chefökonom des Institute of International and European Affairs in Dublin. Davor war er Ressortleiter Wirtschaft bei der „Irish Times“. Für die Economist Intelligence Unit arbeitete er auch länger in Österreich. Auf Einladung der WU hielt O'Brien vor Kurzem in Wien einen Vortrag vor der MBA Alumni Lounge. Privat

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.03.2015)

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