Es gibt so etwas wie eine wienerische Operndramaturgie

Wien ist bald die einzige Stadt der Welt, in der ein einzigartig breites Musiktheater-Repertoire auf höchstem Niveau gepflegt wird.

Es ist gefragt worden, ob man in Wien nicht das Theaterleben besser koordinieren könnte. Dabei klafft weiterhin die notorische Schere in den Köpfen: hier Bundestheater, da städtische Bühnen. Brauchen Staatsoper, Volksoper und Burgtheater eine gemeinsame Holding? Die Finanzaufsicht hat ja im Fall des Burg-Skandals versagt; künstlerisch sollten sich Direktoren nicht dreinreden lassen. Wozu also der Überbau?

Im Rathaus wiederum rufen Stimmen nach einem „Wunderwuzi“, der die städtischen Bühnen führen soll. Einen Opernbetrieb und mehrere Spielorte für das sinnloserweise hochsubventionierte Kommerzmusical koordinieren – wer sollte das können? Und vor allem: wozu?

Das anspruchsvolle Musiktheater programmatisch zu harmonisieren, dazu bedarf es offenkundig keiner höheren Stelle. Wie das auf hohem Niveau funktionieren kann, demonstrieren Staatsoper und Theater an der Wien seit Längerem ziemlich gut. Eben hat Roland Geyer den Spielplan für die kommende Saison am Theater an der Wien vorgelegt und bewiesen, dass sich der künstlerische Leiter des Stagione-Hauses sehr wohl seiner Verpflichtung gegenüber den Notwendigkeiten einer lebendigen Musiktheaterarbeit in Wien bewusst ist.

Es gibt, sieht man von Humperdincks „Hänsel und Gretel“ und dem „Capriccio“ von Richard Strauss ab, kaum noch Verdoppelungen oder Verdreifachungen zwischen seinem Haus und den beiden Opernhäusern des Bundes.

Stattdessen sorgt Geyer für eine Bereicherung des Angebots und verbreitert die Basis dessen, was einheimische Opernfreunde und die gehobene touristische Schicht von der Musikstadt par excellence rechtens erwarten: Nebst dem glänzend funktionierenden Repertoirebetrieb im Haus am Ring zeigt man an der Wien kurze Serien von Raritäten wie Marschners „Hans Heiling“ (den der Hausherr selbst inszenieren wird), Monteverdis „Poppea“ (Claus Guth/Dirigent: Jean-Christophe Spinosi), die Urfassung des „Fliegenden Holländers“ (Olivier Py/Marc Minkowski), Brittens „Peter Grimes“ (Christof Loy/Cornelius Meister), die „Dreigroschenoper“ (Keith Warner/Johannes Kalitzke), Rossinis „Otello“ (Damiano Michieletto/Antonello Manacorda), Händels „Agrippina“ (Robert Carsen/Thomas Hengelbrock) und das schon erwähnte „Capriccio“ (Tatjana Gürbaca/Bertrand de Billy), reflektiert also die Operngeschichte von den Anfängen über Barock bis ins 20. Jahrhundert.

Wobei das 19. Jahrhundert in selten beackerte Gebiete hinein ausgeleuchtet wird. In der Kammeroper und mittels konzertanter Aufführungen weitet man den Streifzug noch kräftig aus (www.theater-wien.at).

Das darf man den heimischen Kulturpolitikern als vorbildliche Planungsarbeit ins Stammbuch schreiben: Über alle städtisch-bündischen Grenzen hin wird hier offenbar eine Art wienerischer Dramaturgie mitgedacht. Apropos Stammbuch: Mit der Volksoper sollte ein drittes Haus an diesem Konzert mitwirken...

E-Mails an:wilhelm.sinkovicz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.03.2015)

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