Heute fachsimpeln wir über Cholesterinwerte, Weinbegleitung und Trennkost. Dabei hat Essen damals doch richtig Spaß gemacht. Eine glückliche Erinnerung an Fischstäbchen, Schwedenbomben, Jolly und Co.
Nicht schwer zu erahnen, wo Kinder mehr mitreden durften: süße Pizza und Konfettisuppe oder Rohkostaufstrich mit Weckerl und Dinkel-Gemüse-Omelett? Das Technische Museum Wien rief unlängst anlässlich der Ausstellung „Geschmackssache“ Schulklassen zum Rezeptwettbewerb auf. Die Einreichungen liefern ein schönes Sittenbild des Kindheitsgeschmacks: Das, was man als Kind selbst essen will, steht meist in krassem Gegensatz zu dem, was man essen wollen soll. Dass das zu gewissen erzieherischen Tricks führt, überrascht nicht. Da werden dann Zellerscheiben als Wiener Schnitzel getarnt, Gurkenstücke zu Krokodilen geschnitzt, Karotten im Kuchen versteckt.
Warum Kindheitsgerichte uns heute noch so glücklich machen können, liegt nur zum Teil an den schönen Erinnerungen, die damit verbunden sind, Stichwort Omas Küche oder Sommerfrische. Vielmehr ist es das Unvoreingenommene, das Unmittelbare, das Unwissen und das Nichthinterfragen, das „Gerichte“ wie Reis mit Ketchup oder Semmel mit zerquetschter Schwedenbombe als Füllung so lustvoll macht. Zu viel oder im unpassenden Moment aufgerufenes Wissen kann uns heute auf jeden Fall den Genuss verderben: Egal, ob der Wein im falschen Glas serviert wird, das angekündigte Thai-Basilikum tragischerweise ein „normales“ ist oder die gebackene Leber doch ganz un-mög-lich bei deinem Cholesterinspiegel! – zu viel Erkenntnis vermiest auch den Tischgenossen verlässlich den Appetit.
Ganz anders hingegen in der Kindheit: Trennkost be-
deutete höchstens das Teilen eines Twinnis (orange oder grün – das war, nebenbei, eine Weltanschauungsfrage), Kalorie war ein französischer Frauenname oder höchstens eines dieser Tierchen, die in der Nacht die Kleider enger nähen, und ob Fruchtzwerge künstliche Geschmacksstoffe enthielten oder nicht, war uns wirklich egal.
Rebellion im Mund. Kindheitsessen lebt von der Nichtinformation, bezieht seinen Glücksreiz zu einem großen Teil aus Naivität und gesunder Ignoranz. Sicher, für die Gesundheit ist es von Vorteil, über gute und böse Fette Bescheid zu wissen oder die Nitratwerte im Salat zu kennen. Mit einem positiven ökologischen Fußabdruck machen wir eine bessere Figur, also sind Nahrungsmittel aus biologischem Anbau, die noch dazu aus der Nähe kommen, toll. Keine Frage, es ist wichtig, sich über das, was man isst, Gedanken zu machen. Aber man muss im richtigen Moment auch einmal loslassen können.
Nicht überlegen, ob da jetzt Galgant oder doch eher Ingwer drin ist, sich nicht verkrampfen, weil man beim besten Willen die Lage des Weines nicht erschmeckt. Nicht nachdenken, ob man jetzt fachsimpeln sollte, sondern einfach essen. Und spielen. Mannerschnitten mit der Zunge in Schichten zerteilen, Schwedenbomben entweder aushöhlen und die Hülle zum Schluss essen oder umgekehrt zuerst die Schokolade feinsäuberlich abknabbern. Streiten, ob Fru Fru vermischt werden muss oder nicht. Von der Prinzenrolle nur die Schokolade essen und die Kekse großzügig weiterschenken.
Champignons von der Panier trennen, Rinde vom Brotinneren und Dany von Sahne. Eines fällt nämlich auf, wenn man Erwachsene zum Thema Kindheitsessen befragt: Da wurde separiert, was das Zeug hält. Anders essen, als es Keksindustrie, Köche oder Mütter vorgesehen haben, das fühlt sich heute noch gut an; es lebe die Rebellion im Mund! Und klugscheißen kann man sich für unwichtigere Dinge sparen.