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„ An unserer Schule wird nichts mehr so sein, wie es war“

People stand in front of the Joseph-Koenig-Gymnasium high school in Haltern am See
REUTERS
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Die deutsche Ortschaft Haltern trauert um eine Schulklasse. Auch zwei Opernsänger waren in der Maschine.

Berlin. Einen Tag nach dem Absturz des Germanwings-Flugzeuges in Südfrankreich mit 150 Todesopfern war die Trauer in Deutschland groß, und ganz besonders in der nordrhein-westfälischen Ortschaft Haltern herrschte am Mittwoch lähmende Fassungslosigkeit. Vor dem Joseph-König-Gymnasium fielen sich die Trauernden in die Arme, sie zündeten Kerzen an und legten Blumen vor dem Eingang nieder, ein kleines Flugzeug aus Plastik war auch dabei. Das Gymnasium hat bei dem Flugzeugunglück 16 Schüler und zwei Lehrer verloren, die Spanischklasse hatte eine Austauschwoche in Llinars del Vallès in der Nähe von Barcelona verbracht und war auf dem Heimweg. Schockierte Mitschüler spendeten einander Trost, Schulleiter Ulrich Wessel sagte gegenüber Medienvertretern: „In der Schule wird nichts mehr so sein, wie es war.“

Die Teilnahme an dem Austauschprogramm wurde mangels Plätzen per Losverfahren vergeben, 40 hatten sich beworben. Laut der spanischen Zeitung „El País“ hätte die Klasse das Flugzeug in Barcelona fast nicht betreten können, weil eine Schülerin ihren Personalausweis vergessen hatte. Die Gastfamilie fuhr aber rasch zum Flughafen und übergab dem Mädchen das Dokument, gerade rechtzeitig konnte die Gruppe den Flieger erwischen. Eine der beiden Lehrerinnen, die auf der Austauschreise waren, hat laut Schulleiter Wessel erst kürzlich geheiratet. „Haltern am See hat 37.000 Einwohner“, sagte der Bürgermeister Bodo Klimpel, „Sie können sich vorstellen, dass nahezu jeder jemanden aus den betroffenen Familien kannte.“ Das Gymnasium schloss am Dienstag den Schulbetrieb, nachdem die Nachricht vom Absturz kam. Gestern wurde eine Gedenkveranstaltung in der Aula abgehalten, gleichzeitig fand vor dem Rathaus in Llinars del Vallès eine Gedenkminute statt.

 

Opernsänger trat auch in Wien auf

Unter den Opfern des Fluges von Barcelona nach Düsseldorf – 72 von ihnen waren neuesten Informationen zufolge Deutsche, weitere 49 Spanier – sind auch der Bassbariton Oleg Bryjak sowie die Altistin Maria Radner. Sie waren im Gran Teatro del Liceo in Barcelona aufgetreten, wo Richard Wagners „Siegfried“ aufgeführt wurde. Den Alberich, den der gebürtige Kasache Bryjak in Barcelona sang, verkörperte er auch schon bei den Bayreuther Festspielen und in der Wiener Staatsoper (hier war er auch in Verdis „Aida“ und Wagners „Lohengrin“ zu sehen). Bryjak war Ensemblemitglied der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf, dessen Generalintendant Christoph Meyer auf der Webseite verkünden ließ: „Wir haben mit Oleg Bryjak einen großartigen Interpreten und einen großartigen Menschen verloren. Wir sind fassungslos.“

Die 33-jährige Maria Radner – sie ist auch im Theater an der Wien aufgetreten, aber auch an der New Yorker Met und an der Mailänder Scala – war Medienberichten zufolge mit ihrem Mann und ihrem Baby im Flugzeug. Die Altistin war Stipendiatin in Bayreuth, heuer hätte sie erstmals bei den Festspielen auftreten sollen.

Das Unglücksflugzeug hatten auch zwei Journalisten aus dem Iran bestiegen, weitere drei Passagiere waren aus Großbritannien, darunter eine Mutter mit ihrem sieben Monate alten Sohn; die gebürtige Spanierin war für eine Beerdigung nach Spanien gereist und sollte eigentlich länger bleiben. Die Frau änderte aber ihre Pläne und wollte schnell nach Hause: „Sie hat die Tickets im letzten Moment gekauft“, sagt ihr Mann; die Familie war in der Nähe von Manchester wohnhaft. Auch zwei Australier verunglückten mit dem Airbus A320: Mutter (68) und Sohn (29) hatten ihren Urlaub gemeinsam in Europa verbracht.

 

Merkel bedankt sich bei Helfern

Am späten Mittwochnachmittag sind die ersten Angehörigen der Opfer in Digne-les-Bains angekommen. Die Ortschaft liegt unweit der Absturzstelle in den Bergen, die schwer zugänglich ist. In Digne-les-Bains wartete ein professionelles Team an Betreuern auf die Familien, auch eine Kapelle wurde eingerichtet. In der Nacht auf Mittwoch hatten Einsatzkräfte nicht nur nach Trümmern gesucht, sondern auch Wache gehalten, damit die Leichen nicht von Wölfen überfallen werden.

Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel, der französische Präsident Franc?is Hollande sowie der spanische Ministerpräsident Mariano Rajoy waren am Mittwoch ebenfalls in die Nähe des Absturzortes gekommen, in Seyne-les-Alpes haben sie eine Trauerkapelle besucht und wollten mit Angehörigen zusammenkommen. „Wir stehen an Ihrer Seite“, sagte Rajoy den Angehörigen. Und den Helfern, die unter widrigsten Bedingungen nach den Trümmern suchen, sagte Merkel: „Das ist ein Zeichen unglaublicher Freundschaft und Hilfe. Wir sind sehr dankbar.“

Blumen, Kerzen und trauernde Angehörige und Kollegen in Dienstuniform waren bereits am Dienstagabend, aber auch am Mittwoch in Köln, vor der Zentrale der Fluglinie Germanwings, zu sehen. Weil sich einige Mitarbeiter nach der Katastrophe als fluguntauglich gemeldet hatten, verspäteten sich mehrere Flüge, offenbar musste aber nur ein Flug storniert werden. Aus dem Unternehmen hieß es, dass Verständnis dafür aufgebracht werde, da die Mitarbeiter gute Freunde verloren hätten. Die Flüge von Germanwings konnten deswegen durchgeführt werden, weil die Konkurrenz Maschinen und Crew-Mitglieder bereitstellte. In nächster Zeit wird die Fluglinie auf Werbemaßnahmen und öffentliche Auftritte verzichten, hieß es vonseiten des Unternehmens.

Auf einen Blick

Flugzeugabsturz. Im Airbus A320 der Fluglinie Germanwings von Barcelona nach Düsseldorf befanden sich 144 Passagiere sowie sechs Crew-Mitglieder. Die Maschine stürzte über den französischen Alpen ab, es wird nicht mit Überlebenden gerechnet. An Bord befand sich eine Schulklasse aus der nordrhein-westfälischen Stadt Haltern am See; sie haben an einem Austauschprogramm in Spanien teilgenommen. Unter den Opfern befinden sich auch die Opernsänger Oleg Bryjak und Maria Radner.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.03.2015)