Valentino Rossi: Spezialist für Schabernack

(c) Reuters (Anton Meres)
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Valentino Rossi dominiert die MotoGP-WM nach Belieben. Der Italiener ist das Zugpferd der Zweirad-Szene, die am Sonntag in Katar wieder ihren Rennbetrieb aufnimmt.

LOSAIL. Wer einen Motorrad-Grand-Prix besucht, kommt an einem Fahrer nicht vorbei: Valentino Rossi. Seit 1996 zieht der Italiener mit seinem Fahrstil die Massen in den Bann. Wenn er auf seine Maschine steigt, bricht auf den Tribünen eine Hysterie aus, wie man sie nur von Teenagern bei Konzerten der „Backstreet Boys“ kennt. Seine Fans tauften ihn „Il Dottore“ und tatsächlich, es hat den Anschein, als würde er sie und seine Konkurrenz im Rennen verarzten. Mit unfassbaren Überholmanövern, artistischer Schräglage in den Kurven und Highspeed auf der Geraden.

Valentino Rossi ist der Superstar der MotoGP-WM. 97 GP-Siege (aus 210 Rennen) und acht WM-Titel kann der 30-jährige Italiener vorweisen. Kaum einer hat Zweifel daran, dass er nicht auch in der am Sonntag in Losail, Katar, startenden Saison (22 Uhr, live ATV) an der Spitze auftauchen wird.

Er ist ein Vollblutmotorsportler, testet die Formel-1-Autos von Ferrari und wagt auch den Ausritt im Rallye-Boliden. Sitzt Rossi aber auf seiner Yamaha, ist er in seinem Element. Dann fährt er mit seinen Gegnern Schlitten.

Schildkröte, Sonne und Mond

Wie keinem anderen Piloten fliegen Rossi die Herzen der Fans zu. Es ist nicht nur sein Charisma, das fasziniert, sondern auch sein Einfallsreichtum. Er liebt das Spektakel, er mimt den Clown – er will nicht nur gewinnen, sondern unterhalten. Daher kann es mitunter passieren, dass bei Ehrenrunden eine Gummipuppe auf dem Sozius sitzt oder er sich als Sträfling oder Robin Hood verkleidet feiern lässt.

Auch seine Markenzeichen zeugen von einem gewissen Expressionismus. Obwohl ihm als Weltmeister die Nummer eins zusteht, fährt er seit Beginn seiner Karriere zu Ehren seines Vaters mit der Nummer 46. Seinen Helm zieren die Symbole Sonne und Mond, und auch sein Lieblingstier ist immer mit dabei. Rossi ließ sich eine Schildkröte auf den Bauch tätowieren. Sie ist übrigens weiterhin der Renner bei den jeweils vor Ort im Fanareal werkenden Tätowierern. Weil ihm in Italien der Rummel um seine Person zu groß wurde, zog es Valentino Rossi vor einigen Jahren nach London. Dort, das verriet er einst mit diebischem Grinsen, „genieße ich die Anonymität. Auf den Straßen erkennt mich keiner.“ Mit dem Ortswechsel aber startete der Italiener 2007 in das teuerste Rennen seines Lebens. Italiens Finanz wurde nämlich hellhörig, nachdem er zwar seinen neuen Wohnort offiziell gemeldet hatte, aber hauptsächlich in seinem Heimatort Tavullia gesehen wurde.

Eine Ermittlung wegen Steuerhinterziehung wurde eingeleitet und Rossi sah sich kurzerhand mit einer Zahlungsaufforderung in Höhe von 112 Millionen Euro konfrontiert. Warum? Mit seiner kolportierter Jahresgage von 25 Millionen Euro rangiert Rossi im Spitzenfeld der Sportbranche, aus seinen Steuererklärungen aber war das nicht ersichtlich. In Italien gab der „Spaßvogel“ lediglich 900 Euro pro Jahr an. Dem Fiskus imponierte der „Schabernack“ nicht, erst gegen eine Zahlung von 35 Mio. Euro wurde das Verfahren im Februar 2008 eingestellt. Seinem Image schadete dieser Vorfall aber keineswegs, im Gegenteil: Valentino Rossi gilt seitdem endgültig als „Mann des Volkes“.

An seinen Zielen hat sich im Lauf der Jahre nichts geändert – er will gewinnen. Auf allen siebzehn Rennstrecken der Saison hat Rossi schon triumphiert, aber Casey Stoner, Dani Pedrosa, Nicky Hayden, Jorge Lorenzo und Rückkehrer Sete Gibernau wollen der Dominanz des Italieners ein Ende machen. Es ist aber nicht auszuschließen, dass ihnen Valentino Rossi mit rauchenden Reifen und in den Asphalt gebrannten Achterschleifen schwarze Gummistriche durch die Rechnung macht.
P. S.: Österreichs Motorradhersteller KTM hat sein Engagement in der Straßen-WM angesichts des schwierigen wirtschaftlichen Umfeldes reduziert und startet nur noch mit zwei Piloten in der 125ccm-WM.

AUF EINEN BLICK

Valentino Rossi
gilt in der am Sonntag in Losail, Qatar, startenden Motorrad-WM erneut als Favorit auf den Titelgewinn. Der Italiener, 30, hat bereits achtmal die WM-Krone erobern können.

Der Saisonauftakt erfolgt mit einem Nachtrennen (22 Uhr, ATV). Bei den Testfahrten war der Australier Casey Stoner (Ducati) Schnellster.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.04.2009)

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