Sie bestrafen, und sie werden immer mehr: Wiens Müllsheriffs gehören mittlerweile fix zum Stadtbild. Wer erwischt wird, wird ermahnt. Wer sich uneinsichtig zeigt, bekommt ein Organ-Strafmandat.
Das ist wieder einer dieser Tage, sagt Rene Elmer. Das Böseste, was dieser sonnige, ruhige Karfreitagvormittag im Türkenschanzpark in Währung hervorbringt, ist ein Dackel. Alt, hinkend, auf einem Auge blind. Aber eben: ohne Leine. Und da muss er einschreiten, der Herr Elmer. So ist das eben, als Waste Watcher.
Die beiden älteren Frauen auf der Parkbank, zu denen der betagte Dackel und ein Golden Retriever, ebenso alt wie unangeleint, gehören, greifen hektisch in ihre Handtaschen, als sie Elmer und seine Kollegin Daniela Kerculj kommen sehen. Sie wissen: Die beiden mit den blauen Kapperln, den Krawatten und den dunkelblauen Pullis, viel zu warm für die Jahreszeit, das sind die Abstrafer. Die kontrollieren, ob man den Kot seines Hundes nicht einfach liegen lässt, sondern entsorgt. Demonstrativ winken die beiden Frauen mit kleinen dunklen Plastiksäcken. „Nimm ein Sackerl...“, die Werbekampagne der Stadt hat gewirkt. „Sehr löblich“, sagt Elmer. Aber, naja. „Eigentlich wäre hier halt Leinen- oder Beißkorbpflicht, verstehen Sie?“ Es folgt ein längere Diskussion, Kerculj wird das später als „Infogespräch“ in ihrem Dienstbericht vermerken.
Und das, obwohl die Kontrolle der Leinenpflicht Aufgabe der Polizei ist. Kerculj und Elmer spazieren weiter, gemächlich, lassen den Blick über Wiesen schweifen, auf den Kinderspielplatz. Auf der Suche nach Hundebesitzern, die sie dabei erwischen, wie sie den Kot ihrer Tiere liegen lassen. Ein Delikt, für das im Beamtendeutsch der Begriff „Wildkoten“ erfunden wurde. Oder Alkoholisierte, die ihre Bierdosen in die Wiese werfen. Wer erwischt wird, wird ermahnt. Wer sich uneinsichtig zeigt, bekommt ein Organstrafmandat (36 Euro). Weigert sich jemand, rufen die Waste Watcher die Polizei. Eine Anzeige folgt. Und die kostet 75 Euro. Mindestens.
Aber eigentlich, sagt Roland Kolb, der das Waste-Watcher-Referat leitet, gehe es darum, dass die Leute durch Patrouillen gar nicht auf die Idee kommen, Müll liegen zu lassen. Patrouille, das klingt nach Polizei. Und doch will Kolb die Waste Watcher „auf keinen Fall als Hilfspolizei“ verstanden wissen. Wenn seinen Mitarbeiter etwas auffalle, werde die Polizei verständigt. Sofern etwas auffällt. Denn die Graffitisprayer, die Bänke verunstalten, „erwischen wir so gut wie nie“, sagt Kerculj, die 2008 die erste Frau bei den Waste Watchern war. Ab und zu, erzählt Kolb, beobachten seine Mitarbeiter, wie Parks in Margareten für Kampfhundetrainings missbraucht würden. „Da schreiten wir nicht ein, sondern informieren die Polizei.“
Kerculji und Elmer haben eben die zweite Runde durch den Park absolviert. Ein paar unangeleinte Hunde, keine Müllsünder. Im Schnitt ermahnen oder strafen sie drei, vier Leute am Tag. Im Februar 2008 wurden 30 hauptberufliche Waste Watcher angelobt, seither ist die Truppe rasant gewachsen, heute sind es 320, die meisten nebenberuflich. 320, damit lassen sich die Waste Watcher nicht mehr aus dem Stadtbild wegdenken. Auch wenn sie, wie Kerculj erzählt, noch immer verwechselt würden. In der Stadt der Weiß-, Schwarz- und Blaukappler kein Wunder. Gerade jetzt im Frühling werden die Waste Watcher verstärkt unterwegs sein. Auch am Wochenende. „Das macht Sinn, oder?“, sagt Kolb. Und bringt Geld. In den ersten drei Monaten 2009 wurden 900 Personen angehalten, die Mehrheit bekam ein Strafmandat, während im gesamten Vorjahr 1108 Organstrafverfügungen und 272 Anzeigen ausgesprochen wurden. Heute werde man ernst genommen, so Kolb. Zumindest kurzfristig. Die Damen haben den halb blinden Dackel angeleint. „Schon möglich“, sagt Kerculj,“, dass sie ihn ableinen, sobald wir verschwunden sind.“ Manchmal sei man „ein bisschen wie Sisyphus“.
AUF EINEN BLICK
■Die Waste Watcher wurden heuer massiv aufgestockt: 320 sind derzeit im Einsatz, die heuer bereits 900 Müllsünder ermahnt oder bestraft haben. Im gesamten Vorjahr wurden 1108 Strafmandate und 272 Anzeigen ausgesprochen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.04.2009)