David Foster Wallaces Essay über unsere „Esskultur“.
Wenn David Foster Wallace ei- ne „Rakete in die Zukunft“ war (so nannte ihn Kollege Don DeLillo), dann ist sie viel zu zeitig abgestürzt. Vergangenes Jahr erhängte sich der schwer depressive Autor in seinem Haus in Kalifornien. 46 Jahre war er alt und galt als einer der wichtigsten amerikanischen Romanciers seiner Generation, obwohl er seit über einem Jahrzehnt keinen Roman mehr veröffentlicht hatte. Stattdessen die Biografie eines deutschen Mathematikers (Georg Cantor), einen Erzählungsband und zuletzt einen Essayband.
„Consider the Lobster“, dessen titelgebender Text, ist nun auf Deutsch erschienen und handelt von einem Hummerfressfest im äußersten Nordosten der USA. Was Wallace aus Reisereportagen machen kann, bewies er schon in „Shipping Out“ („Schrecklich amüsant, aber in Zukunft ohne mich“), worin er, ebenfalls schrecklich amüsant, seine Erlebnisse auf einer Karibikkreuzfahrt beschrieb.
So kam wohl das Feinschmeckermagazin „Gourmet“ auf die Idee, ihn seinerseits um eine Reportage zu bitten. „Am Beispiel des Hummers“ ist aber eher eine ethische Abhandlung, anfangs als harmlose Hummerexpertise getarnt, nur um dem „Gourmet“-Leser genüsslich den Appetit zu verderben. Wallace zerlegt zunächst den Hummer nach allen Regeln seiner (fußnotenstarrenden) Kunst, etymologisch, biologisch, gastronomisch – doch die Ironie ist bald nicht mehr zu überlesen. Und wie sieht eine intime Hummer-Koch-Szene aus? „Will man ihn (den Hummer) aus der Verpackung direkt in den Topf schütten, kriegt man ihn häufig gar nicht heraus, so heftig klammert er sich daran fest. Auch versucht er mitunter, sich am Rand des Topfs aus der Gefahr zu ziehen – wie ein Mensch, der an einer Dachrinne hängt. Selbst bei geschlossenem Deckel hört man, wie er seiner Not entkommen will. Mit anderen Worten, der Hummer verhält sich nicht anders, als wir uns verhielten, würde man uns in kochendes Wasser werfen, nur schreien kann er nicht.“
Wallace erörtert, ob Hummer Schmerz und Angst empfinden können (die Antwort ist Ja), und folgert: „Sobald Sie den Gedanken zulassen, dass die Hummer tatsächlich leiden (und viel lieber nicht leiden wollten), dann, ja, dann verändert diese unbeschwerte Hummersause ihr Gesicht, wird zur römischen Arena oder zur Pöbelbelustigung rund um ein mittelalterliches Blutgerüst.“ Und weiter: „Ist es denkbar, dass künftige Generationen nicht nur unsere Lebensmittelindustrie verurteilen, sondern unsere ganze Esskultur gleich mit, sie gar in eine Reihe stellen mit dem Entertainmentprogramm eines Nero, den Experimenten eines Dr. Mengele?“
Dies alles ist bald witzig, bald bedenkenswert (meist beides in einem), allerdings ein ganzes Buch daraus zu fabrizieren grenzt an Etikettenschwindel. Vielleicht wollten Tierfreunde deutschsprachige Leser für das Martyrium des Hummers sensibilisieren. Wallace-Freunde warten jedenfalls besser: Bis Jahresende soll die lang erwartete deutsche Übersetzung seines zweiten und letzten Romans, „The Infinite Jest“, erscheinen. ■
("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.04.2009)