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Nein, Ärzte dürfen ihren Patienten nicht jeden Blödsinn verschreiben

Quacksalberische Pseudomedizin dringt in ärztliche Ordinationen und Praxen vor. Ein gefährlicher Unfug, warnen 60 seriöse Mediziner, der abgestellt gehört.

Nachdem sie bei ihrem schon etwas älteren Patienten die Diagnose Grauer Star gestellt hatte, wusste eine Wiener Augenärztin, wie der Erkrankung auch ohne Operation beizukommen sei: Sie empfahl dem darob eher Verdutzten eine sogenannte Bachblütentherapie, also eine esoterische Spinnerei, die mit Medizin so viel gemein hat wie Wünschelrutengehen mit Ingenieurskunst. Nämlich gar nichts. Noch nie wurde auf diesem Planeten deshalb ein Grauer Star mit solchem Unfug geheilt.

Zum Glück kommen derart eklatante Fälle von Weißkittelscharlatanerie nicht permanent vor. Ein Einzelfall ist dergleichen aber nicht, die quacksalberische Pseudomedizin dringt immer tiefer in Ordinationen und Praxen vor. Die Grenzen zwischen seriöser Medizin und Betrug am Patienten werden immer unübersichtlicher.

Das ist ein ziemliches Problem, dem die Aufsichtsbehörden freilich mit unangemessener Nonchalance nicht entgegentreten. Wie gravierend dieses Problem ist, zeigt sich schon daran, dass jüngst mehr als 60 seriöse österreichische Mediziner eine „Initiative für wissenschaftliche Medizin“ begründet haben, weil sie über das Vordringen der pseudomedizinischen Scharlatanerie ernsthaft besorgt sind. Aber, hallo – jetzt muss also die „wissenschaftliche Medizin“ in der einstigen Hauptstadt der Wiener medizinischen Schule schon per Initiative verteidigt werden?

Offensichtlich. Denn sogar die Österreichische Ärztekammer, als Institution auch zur Qualitätssicherung gedacht, fördert mittels „Fortbildungskursen“ und „Diplomen“ zunehmend dubiose pseudomedizinische Quacksalbereien. „Wir appellieren daher an die österreichischen Ärztekammern, der ihnen vom Gesetzgeber auferlegten Forderung nach Wissenschaftlichkeit in der ärztlichen Tätigkeit und Fortbildung zu entsprechen“, formuliert die Ärzte-Initiative, was eigentlich selbstverständlich sein sollte.

Und weiter: „Wir fordern von ihnen einen Verzicht auf Kurse und Vergabe von Diplomen in irrationalen und oftmals esoterischen Diagnose- und Therapieverfahren, allen voran Homöopathie, Anthroposophischer Medizin, Kinesiologie, Chinesischer Diagnostik und Orthomolekularer Medizin, deren Wirksamkeit medizinisch-wissenschaftlich nicht nachweisbar ist.“

Als (potenzieller) Patient kommt man da aus dem Staunen nicht heraus: Wenn 60 namhafte Ärzte ihre Standesvertretung eigens dazu auffordern müssen, sich gefälligst an minimale wissenschaftliche Standards zu halten, dann ist in diesem medizinischen System ganz offensichtlich etwas gehörig faul.

Nun spricht grundsätzlich ja gar nichts dagegen, dass ein Patient, der an derartigen Unfug glaubt, sein eigenes Geld zu einem (oder einer) Dr. med. Scharlatan trägt, um sich von ihm betrügen zu lassen. Eher viel spricht freilich dagegen, dass derartige Scharlatane ihren Unfug mit den Weihen jener Institutionen anpreisen dürfen, die eigentlich die Wahrung wissenschaftlicher Standards sicherstellen sollten. Denn so wird Quacksalbern gleichsam von Amts wegen ein Einfallstor in die Welt der wissenschaftlichen Medizin gebaut. Und für den unbedarften Patienten wird es schwieriger, zwischen seriöser Behandlung und gröblichem Unfug zu unterscheiden.

Dass sogar an der Medizinischen Fakultät der Uni Wien das Wahlfach Homöopathie angeboten wird, erscheint in diesem Kontext eher wenig hilfreich zu sein (überrascht aber insofern auch wieder nicht, als an dieser Uni ja auch ein Masterstudium Genderstudies angeboten wird).

Wenn sich aber sogar eine angesehene Medizinische Fakultät wie jene der Uni Wien für ein (Frei-)„Fach“ hergibt, dem jüngst von der obersten medizinischen Instanz Australiens nach einer der größten Studien, die es zur Homöopathie je gegeben hat, bescheinigt wurde, „bei jeglicher Anwendung wirkungslos“ zu sein, dann ist eine „Initiative für wissenschaftliche Medizin“ offenbar wirklich ganz dringend erforderlich.

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Zum Autor:

Christian Ortner ist Kolumnist und Autor in Wien. Er leitet „ortneronline. Das Zentralorgan des
Neoliberalismus“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.03.2015)