Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Flugzeugunglück: Wer war Andreas L.?

(c) APA
  • Drucken

Die Auswertung des Stimmrekorders legt nahe, dass der Kopilot die Germanwings-Maschine absichtlich abstürzen ließ. Für einen terroristischen Hintergrund gibt es keine Hinweise.

Berlin. „Wenn ein Mensch 149 andere mit in den Tod nimmt“, so Lufthansa-Chef Carsten Spohr, „ist das für mich etwas anderes als Selbstmord.“ Es ist tatsächlich schwer zu fassen, was sich während des Flugs der Linie Germanwings, einer Lufthansa-Tochter, von Barcelona nach Düsseldorf ereignet hat. Die Auswertung des Stimmrekorders legt nahe, dass Kopilot Andreas L. die Maschine absichtlich in den Sinkflug gebracht und anschließend in das Massif des Trois-Évêchés in den südfranzösischen Alpen prallen ließ. Keiner der 150 Insassen überlebte.

Die Staatsanwaltschaft Marseille hat am Donnerstag die letzten Minuten des Flugs rekonstruiert. Demnach waren die ersten 20 Minuten des Flugs unauffällig, Pilot und Kopilot haben ungezwungen miteinander geredet und gescherzt, ehe der Pilot die Details für die Landung in Düsseldorf besprochen habe – worauf L. mit lakonischen Antworten reagierte. Später verließ der Kapitän das Cockpit für eine Toilettenpause und übergab L. das Kommando. Hier begann der Sinkflug, und der Pilot konnte von außen das abgeschlossene Cockpit nicht mehr betreten. Während des Sinkflugs sagte L. kein einziges Wort, lediglich Atemgeräusche sind zu hören. Weder reagierte der Kopilot auf Rufe per Funk, noch setzte er einen Notruf ab. Für die Ermittler ein Zeichen, dass L. den Absturz absichtlich hervorgerufen hat.

Höflich und freundlich

Aber wer war L.? Ersten Informationen zufolge stammte der 27-Jährige aus Montabaur in Rheinland-Pfalz, hatte in Düsseldorf einen Zweitwohnsitz und sich mit dem Beruf des Piloten einen Wunsch erfüllt. Bereits als Jugendlicher wurde L. Mitglied des Luftsportklubs Westerwald, dort bezeichnen ihn seine Kollegen als ruhig, höflich und freundlich. Der Klub hat nach dem Absturz noch eine Todesanzeige für sein Mitglied auf der Website veröffentlicht. Bei der Lufthansa in Bremen wird L. ab 2008 ausgebildet, während seines Trainings ist er auch als Flugbegleiter tätig. Ab September 2013 – nach einer Wartefrist von knapp einem Jahr – heuert L. bei Germanwings an, im selben Jahr wird er in die FAA, die Bundesluftfahrtbehörde der Vereinigten Staaten, aufgenommen.

Während seiner Karriere, genau genommen vor sechs Jahren, ist eine mehrmonatige Arbeitsunterbrechung zu verzeichnen. Spohr gab dazu keine weiteren Informationen, nur so viel: Derartige Unterbrechungen sind nicht ungewöhnlich, und ein weiterer Eignungstest habe ergeben, dass L. zu einhundert Prozent flugtauglich gewesen sei sowie alle medizinischen und technischen Checks bestanden habe.

Zum Zeitpunkt des Flugs Barcelona–Düsseldorf konnte L. 630 Flugstunden vorweisen. Laut dem deutschen Innenminister Thomas de Maizière wurden bisher keine Verbindungen zum Terrorismus festgestellt. Bei den weiteren Ermittlungen werden die Handydaten von L. ausgewertet, Sicherheitskameras sollen Aufschluss darüber geben, mit welchen Menschen er auf dem Flughafen in Barcelona in Kontakt getreten ist (das Flugzeug ist zuvor aus Düsseldorf kommend hier gelandet, ehe der Rückflug vorbereitet wurde). Ob sich L. beim Hinflug auffällig verhalten hat, muss ebenfalls untersucht werden. Am Donnerstag wurde sein Wohnsitz in Montabaur von der Polizei abgeriegelt, die Familie selbst war zum Unglücksort unterwegs.

Keine regelmäßigen Tests

„Über Motive können wir nur spekulieren“, sagte Lufthansa-Chef Spohr nach dem Erhalt der Informationen über L. Die Ereignisse würden selbst die schlimmsten Albträume übertreffen, es sei ein unglaublich tragischer Einzelfall. Die Frage, ob die Piloten regelmäßige psychologische Betreuung erhielten, verneinte Spohr; beim Auswahlverfahren jedoch seien die psychologischen Fähigkeiten enorm wichtig, das Verfahren selbst gehöre zu den führenden weltweit. Bei den späteren medizinischen Checks würden auch die persönlichen Lebensumstände der Piloten zur Sprache kommen.

Grundsätzlich ist das Auswahlverfahren für Piloten bei den Fluglinien sehr streng: Ist der Bewerber gesund und bringt fachliches Wissen mit, muss er sich einem Persönlichkeitstest unterziehen, der bei Lufthansa zwei Tage dauert. Unter anderem werden die Tests von Psychologen betreut und ausgewertet, dabei soll herausgefunden werden, wie belastbar und handlungsfähig der Bewerber in Krisensituationen ist. Den Lufthansa-Mitarbeitern wird auch mitgegeben, auffälliges Verhalten der Kollegen zu melden. „Unsere Piloten sind und bleiben die besten der Welt“, so Germanwings-Sprecher Thomas Winkelmann in einer Stellungnahme.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.03.2015)