Entführter US-Kapitän wird zu Hause als Held gefeiert

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Seit vier Tagen ist der amerikanische Kapitän Richard Phillips eine Geisel von somalischen Piraten. Der zweifache Vater hatte sich für seine Crew geopfert. Jetzt bangt ganz Amerika um ihn.

 

Indischer Ozean, 350 Meilen vor Somalia. „Große Abschiedsszenen waren nie seine Sache. Für Richard ist das nur ein Job“, sagt Tom Coggio, Schwager des von somalischen Piraten entführten US-Schiffskapitäns Richard Phillips zur „New York Times“. Dieser Job hat den 53-jährigen Bostoner am Mittwoch in die gefährlichste Lage gebracht, seit er vor drei Jahrzehnten damit begonnen hat, als Seemann der Handelsmarine die sieben Weltmeere zu befahren.

Denn seit Mittwoch treibt der Kapitän des Frachters „Mærsk Alabama“ mit einer Handvoll ebenso schwer bewaffneter wie verzweifelter Piraten als deren einzige Geisel auf einem achteinhalb Meter langen Rettungsboot, ohne Treibstoff, mit schwindenden Reserven. Phillips hatte sich den Piraten als Geisel angeboten, im Gegenzug gingen Crew und Schiff frei.

„Als er heute schwimmen gegangen ist, hat mich das nicht überrascht“, sagt Phillips' Jugendfreund Peter Wakefield. Was hier als „schwimmen gehen“ beschrieben wird, war der waghalsige Versuch des Kapitäns, seinen Geiselnehmern durch einen Sprung in den Indischen Ozean zu entkommen. Ein paar Warnschüsse setzten dem ein Ende. Matrosen des US-Kriegsschiffs „Bainbridge“ beobachteten den Fluchtversuch: nur wenige hundert Meter entfernt, aber zu weit weg, um ihrem Landsmann helfen zu können.

Näher kann der Zerstörer nicht an das Rettungsboot heran. Zu groß wäre die Gefahr, von den Piraten beschossen zu werden. Zumal diese damit drohen, Phillips zu erschießen, sollten die USA ihn mit Gewalt zu befreien versuchen. Immerhin sahen ihn die Matrosen nach dem Fluchtversuch herumgehen.

Phillips wuchs mit sieben Geschwistern in bescheidenen Verhältnissen außerhalb Bostons auf. „Mit acht Kindern konnten ihn seine Eltern nicht nach Harvard schicken“, erinnert sich Wakefield. „Nichts wurde ihm je geschenkt. Er musste sich alles erarbeiten.“ Um das College bezahlen zu können, fuhr er Taxi bis zum Abschluss 1979 an der Massachusetts Maritime Academy. Er liebt die Boston Celtics, seine Frau und  zwei Kinder sowie die Bluesmusik des Sängers Taj Mahal.

Am Samstag erklärten einige Verwandte der Piraten, mit den US-Militärs eine friedliche Lösung verhandeln zu wollen. Käme Phillips frei, würde er wohl wieder in See stechen. „Er spricht immer über das Meer und die Schiffe“, sagt sein Schwager Coggio. „Er liebt, was er tut. Ich glaube nicht, dass er irgendetwas anderes tun wollte.“ ?

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.04.2009)