Der Soziologe Sighard Neckel erklärt, warum die Geiselnahme von Managern auch einen gesellschaftlichen Zweck erfüllt, und wieso Österreichs Oberschicht keine Gewaltausbrüche zu fürchten hat.
Diese Woche haben Arbeiter in Frankreich erneut ihre Chefs in Geiselhaft genommen. Der fünfte derartige Vorfall in letzter Zeit. Was treibt Menschen zu solchen Aktionen?
Sighard Neckel: Die Wut darüber, Opfer einer Wirtschaftskrise zu sein, die von wirtschaftlichen Eliten herbeigeführt wurde, deren Preis aber die breite Bevölkerung bezahlen muss. Es geht einerseits um die Lebensgrundlage der Beschäftigten. Andererseits sind es, wie in den Siebzigerjahren in Italien, immer auch Machtdemonstrationen der Arbeiterschaft. Nach einem Jahrzehnt, in dem die Arbeiter die Macht der Unternehmer kennengelernt haben, drehen sie den Spieß um. Zudem stehen Manager so stark in der öffentlichen Kritik, dass Menschen zu solchen Aktionen ermuntert werden.
Sind gewaltsame Proteste wie in Großbritannien und Frankreich zu rechtfertigen? Bringen sie einen gesellschaftlichen Nutzen?
Die Mittel sind fragwürdig und nicht zu rechtfertigen. Auf der anderen Seite öffnet sich da ein gesellschaftliches Ventil. Die Arbeiter entledigen sich ihrer Wut und ihrer aufgestauten Frustration und genießen die Macht, die sie jetzt haben. Die Aktionen tragen auch dazu bei, Fehlentwicklungen zu korrigieren. Das globale Management hat sich im letzten Jahrzehnt in eine Parallelwelt zurückgezogen. Wenn die Arbeiter ihre Chefs jetzt im Büro einsperren, heißt das symbolisch auch, sie wieder in eine gemeinsame Realität zurückzuholen.
Umfragen zeigen, dass die Mehrheit der Franzosen, die Geiselnahmen nicht verurteilt. Auch die Politik hält sich auffallend zurück. Wie kommt das?
Die Politik hat Angst, mit den stürzenden Helden der Wirtschaft gleichgestellt zu werden und selbst unter die Räder zu geraten. Nicht zu Unrecht, schließlich haben sie ja etwa aktiv die Deregulierungen der Finanzmärkte vorangetrieben. Jetzt können sie gar nicht schnell genug sein, sich auf die Seite des Volkes zu stellen.
Klar, dass sich die Politik freut, einmal nicht den Schwarzen Peter zu haben. Ist das auch gesund für die Gesellschaft?
Die Menschen brauchen einen Sündenbock. In einer Krise, die in ihren Details nur von Fachleuten verstanden wird, will das Volk Vereinfachung und die liegt in der Personalisierung. Diese Personalisierung hängt aber auch damit zusammen, dass das oberste Segment der Gesellschaft in den letzten Jahren eine unglaubliche Steigerung des Reichtums erfahren hat, während auf der anderen Seite nicht wenige eine Entwertung ihrer Arbeitsleistung erleben mussten.
Anders als im streikerprobten Frankreich reagiert man in Österreich bisher gewohnt emotionslos auf die Krise.
Frankreich und England haben eine viel klassenkämpferische Tradition. Österreichs Gesellschaft ist stark vom Ideal des sozialen Ausgleichs geprägt. Daher dauert es viel länger, bis solche Aktionen hier denkbar wären.
Wie viele Menschen müssten etwa ihren Job verlieren, damit die Stimmung kippt?
Hohe Arbeitslosigkeit an sich führt nicht automatisch zu sozialer Empörung. Die Frage ist: Wer wird für die Krise verantwortlich gemacht? Solange die Globalisierung schuld ist, sind Menschen bereit, den Gürtel enger zu schnallen. Wenn aber klar wird, dass die Gier bestimmter Schichten dazu geführt hat, kann das zu ganz anderen gesellschaftlichen Reaktionen führen.
Muss sich Österreichs Oberschicht also vor dem Mob fürchten?
Nein. Solange die Wirtschaftskrise nur gesellschaftliche Randgruppen betrifft, bleibt auch der Protest dort. Eine breite Bewegung kommt erst, wenn auch die Mittelschicht eine Schlechterstellung erfährt. Gewaltakte wird es in Österreich trotzdem keine geben. Es ist eher eine politische Stärkung der populistischen Rechten zu erwarten. Sie hat sich erfolgreich die antikapitalistischen Parolen zu eigen gemacht.
Die meisten Österreicher haben keine Krise erlebt. Wie wird diese Erfahrung die Denkweise der Menschen beeinflussen?
Das können wir bei den Jungen jetzt schon beobachten. Die aktuelle gesellschaftliche Führungsgeneration der 40- bis 60-Jährigen hat die Erfahrung einer scheinbar sicheren Zunahme des Wohlstands gemacht. Ihre Kinder machten bereits die Erfahrungen der Generation Praktikum. Sie wissen, dass sie hinsichtlich ihrer Alters- und Gesundheitsversorgung schlechter gestellt sein werden als ihre Eltern. Sie wissen, dass die Gesellschaft viel instabiler ist, als sie scheint. Es ist zu hoffen, dass sie radikal genug sein werden, alles infrage zu stellen, was zu diesem Desaster geführt hat.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.04.2009)