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Papst Franziskus: "Wie der Schnabel gewachsen ist"

Papst Franziskus spricht zu den Gläubigen auf dem Petersplatz
Papst Franziskus spricht zu den Gläubigen auf dem PetersplatzREUTERS
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Papst Franziskus produziert "Sager", die um die Welt gehen. Auch ein Papst darf das, er soll mitunter so reden, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Er ist einer von uns.

Darf ein Papst reden, wie ihm der Schnabel gewachsen ist? Unbekümmerte Wortwahl ist ja tatsächlich ein Merkmal von Papst Franziskus. Oft aus dem Stegreif produziert er „Sager“, die um die Welt gehen: von der „Vermehrung wie Karnickel“ über den „geistlichen Alzheimer“ mancher Kurienmitglieder bis zum Lob für den Vater, der seinen Sohn nicht ins Gesicht schlägt.

<b> Darf der Papst so sprechen? </b>

Das saloppe Reden steht in deutlichem Kontrast zu der Idee von Erhabenheit und Entrücktheit, die für Menschen meiner Generation das Papsttum prägt. Ich möchte dieses Phänomen im Schnittpunkt zweier Entwicklungen analysieren: der erfreulichen „Enthöhung“ der Person des Papstes auf der einen Seite und dem bedauerlichen Verlust von Debattenkultur auf der anderen.

 I.

Als Johannes Paul II. im April 2005 starb, brachte die „Süddeutsche Zeitung“ eine Reportage über die Menschen, die dem Papst, im Petersdom aufgebahrt, die letzte Ehre erwiesen. Unter ihnen war ein Sonderschullehrer aus New York, der sich mit seinem letzten Geld nach Rom durchgeschlagen hatte. Als er die einfachen, abgetretenen braunen Halbschuhe sah, die Johannes Paul getragen hat und mit denen er aufgebahrt war, verlor er die Fassung: „Allein an diesen Schuhen siehst du es: Johannes Paul war einer von uns!“, sagte er schluchzend.

Der Papst – einer von uns einfachen Menschen? Das ist relativ neu. Wohl auch zur Kompensation des irdischen Machtverlustes erfuhr das Papsttum im 19. Jahrhundert eine zeremonielle und protokollarische Überhöhung, Entrückung. Diese Entwicklung wurde erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts umgekehrt: Schrittweise wurden Dinge wie die Papstkrone, die dreistöckige Tiara oder die von zwölf Männern getragene Sänfte entsorgt, wurde auf den Majestätsplural verzichtet, das Protokoll gelockert.

Papst Franziskus macht vollends deutlich, dass er sich von Gott in eine große Aufgabe gestellt sieht, aber der Mensch Bergoglio nicht in erster Linie Symbol oder Projektionsfläche ist, sondern einfacher Mensch. In aller Kleinheit und Fehlerhaftigkeit. Einer von uns.

Er unterläuft damit eine unangebrachte Gleichsetzung von Amt und Person. Auch ein Papst spricht nicht immer im Namen der ganzen Kirche, sondern manchmal einfach nur als Seelsorger, als Theologe, als Chef oder Freund. Früher wurde diese Seite vom vatikanischen Hofstaat akribisch weggefiltert. Heute gibt der Papst Interviews und schreibt Mails. Eine „halbamtliche“ Wortmeldung des Papstes ist oft schon in die ganze Welt verbreitet, bevor der Hofstaat sie mitbekommt. Das ist eine neue Situation. Darf der Papst gar über Kindererziehung extemporieren? Präjudiziert er damit nicht die Lehre der katholischen Kirche? Das Papsttum ist ja, wie es das II. Vatikanische Konzil ausgedrückt hat, „Prinzip und Fundament der Glaubenseinheit und der Gemeinschaft“ der Kirche. Darum besteht das Konzil darauf, dass die Gläubigen den vom Papst „vorgetragenen Urteilen aufrichtige Anhänglichkeit zollen“. Aber schon das Konzil hat den Gläubigen nahegelegt zu unterscheiden, wann ihr Hirte eine Glaubenslehre verbindlich auslegt und wann nicht: Das lasse sich nämlich unter anderem „aus der Sprechweise“ erkennen.

Darum zunächst: Auch ein Papst darf, ja, er soll mitunter so reden, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Er ist Nachfolger eines Fischers aus Galiläa, der dem Sohn eines Zimmermanns nachgefolgt ist. Sein Reden darf auch nach „normalem“ Menschen klingen. Auch in der Verkündigung des christlichen Glaubens geht es ja nicht um mystische Prinzipien aus einer anderen Dimension, sondern um das, was uns der Mensch gewordene Gott offenbart hat. Die „Sprechweise“ von Franziskus steht quer zur Tendenz, alles, was aus dem Vatikan kommt, zuerst theologisch wasserdicht zu machen und jedes Missverständnis von vornherein zu vermeiden. Dass der Papst in seinem Alltag Verständlichkeit, Natürlichkeit der Rede über die hundertprozentige Korrektheit stellt, entspricht seinem Wunsch, lieber eine verbeulte Kirche zu haben als eine, die sich ängstlich abschirmt. Die einfachen Menschen, mit denen ich rede, sind über die Sprache des Papstes sehr froh: Er ist einer von uns.

Natürlich gibt es auch eine Grenze. Schon gar in einer Religionsgemeinschaft, die das Wort ernst nehmen muss. Im Matthäusevangelium heißt es: „Über jedes unnütze Wort, das die Menschen reden, werden sie am Tag des Gerichts Rechenschaft ablegen müssen.“ Die Bischöfe – der Bischof von Rom genauso wie ich selbst – sind hier besonders in die Pflicht genommen. Das Konzil sagt sogar – und dieser Satz erschreckt mich manchmal: „Wer die Bischöfe hört, hört Christus.“ Offizielle Pressesprecher des Herrn? Kann man in einer solchen Verantwortung jemals ganz einfach Privatmann sein?

 II.

Der Trend zum einfacheren, originären Reden in der Kirche lässt sich sogar empirisch festmachen. Ein einfacher, im Internet verfügbarer Lesbarkeitstest weist für die Eröffnungskapitel des jeweils ersten großen Lehrschreibens der Päpste Paul VI., Johannes Paul II., Benedikt XVI. und Franziskus einen Komplexitätswert aus, der von 60 über 57 und 51 auf 45 sinkt. Das kann auch einem allgemeinen Trend unserer Kultur zu kürzeren Sätzen und kürzeren Wörtern entsprechen. Was die Rezeption von Texten betrifft, ist der Trend zur simpleren Form noch ausgeprägter: Oft sind es nur noch Textschnipsel, über die geredet wird.

Ein einziger Satz in einer 1000-Wörter-Rede – und schon folgt ein Shitstorm. Das haben schon andere Päpste erlebt, lang bevor Botschaften routinemäßig auf Twitter-Länge reduziert wurden. Eine ganze Afrika-Reise Benedikts XVI. wurde in Berichten und Leitartikeln auf einen einzigen, beim Hinflug gesprochenen Satz reduziert, in dem „Kondom“ vorkam. Natürlich gilt die Aufregung dann nicht nur der Wortwahl, sondern auch dem ausgedrückten Gedanken. Aber diese reflexartigen Empörungen auf Einzelsätze sind keine Debatte oder gar eine ernsthafte Auseinandersetzung. Es ist nur ein Instant-Check von Textfragmenten, der die Einteilung des Sprechers in Brav- und Böse-Schubladen ermöglichen soll. Wahrscheinlich könnten das heute schon Computer. Ehrfurcht vor dem Wort ist es jedenfalls nicht.

Wie anders klingt da das Diktum des Ignatius von Loyola, des Gründers des Jesuitenordens. Er wendet sich an die Christen, aber gemeint könnten alle Menschen guten Willens sein, wenn er sagt: „Jeder gute Christ muss mehr dazu bereit sein, die Aussage des Nächsten für wahr zu halten, als sie zu verurteilen. Vermag er sie nicht zu rechtfertigen, so forsche er nach, wie jener sie versteht; versteht jener sie aber in üblem Sinn, so verbessere er ihn mit Liebe.“

In einer Debattenkultur, die uns weiterbringt, kommt es nicht darauf an, zu urteilen, ob das, was einer gesagt hat, zulässig, anständig, korrekt, opportun ist. Sondern darauf, nachzudenken, ob das, was einer meint, wahr ist. Es kommt darauf an, den anderen zu hören, nicht nur auf Fußangeln in seinem Text zu lauern. Das wäre wirkliche Kultur. Sie beginnt damit, dass wir den anderen wertschätzen als einen von uns – aus der großen Familie der Kinder Gottes.

Ganz nebenbei: Dieser Text hat einen Komplexitätswert von 47. Ich bin fast so verständlich wie der Papst!

Christoph Kardinal Schönborn ist seit dem 14. September 1995 Wiener Erzbischof. Papst Franziskus hat Schönborn in den Aufsichtsrat der Vatikanbank berufen. Er arbeitet auch im Rat des Generalsekretariats, das die Familiensynode im Herbst vorbereitet.


[KOJK9]